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Streik für weniger Arbeitszeit: Der deutsche Bahnverkehr steht wieder einmal vor dem Chaos

Auch viele ICE stehen still, wenn die Lokführer-Gewerkschaft es will. Ab Mittwochabend wird wieder einmal gestreikt.
Auch viele ICE stehen still, wenn die Lokführer-Gewerkschaft es will. Ab Mittwochabend wird wieder einmal gestreikt. Imago / Jochen Eckel Via Www.imago-images.de
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Die Gewerkschaft der Lokführer will, dass Bahnmitarbeiter weniger arbeiten und mehr Geld bekommen. Um Druck aufzubauen, streikt sie kurzfristig von Mittwochabend bis Donnerstagabend. Nicht nur der Fernverkehr ist betroffen, sondern auch Millionen Berufspendler in den deutschen Städten.

Viel Zeit haben die deutschen Pendler nicht, um sich einen neuen Weg in die Arbeit zu suchen. Am Dienstagabend kündigte die Gewerkschaft der Lokführer einen 20-stündigen Streik an. Der beginnt schon am Mittwoch um 22 Uhr und dauert bis Donnerstag um 18 Uhr. Weil nicht nur die Fernzüge bestreikt werden, sondern auch die S-Bahnen, fallen viele Menschen in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München um ihren gewohnten Arbeitsweg um. Die Berliner U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse bleiben beispielsweise in Betrieb – nur sind in der deutschen Metropole nicht alle Ecken mit diesen Verkehrsmitteln gut erschlossen.

Reisende wurden gebeten, sich online zu informieren, ob und wie ihr Zug betroffen ist. Der Bahnverkehr werde „bundesweit massiv beeinträchtigt“, wie der Staatskonzern Deutsche Bahn bekannt gab. Sie empfiehlt, von Mittwochabend bis Donnerstagnacht auf Reisen zu verzichten. Zwar werden die noch fahrenden Züge mit Waggons verlängert, eine Mitfahrt könne laut einem Sprecher der Deutschen Bahn aber nicht garantiert werden. Wer bereits Tickets gekauft hat, soll diese umtauschen können oder bekommt in bestimmten Fällen sein Geld zurück (hier informiert die Deutsche Bahn über den Streik auf ihrer Webseite).

Der innerösterreichische Tagverkehr zwischen Salzburg und Tirol über das Deutsche Eck sei von den Einschränkungen nicht betroffen, hieß es von der ÖBB auf APA-Anfrage. Auch die Züge der privaten Westbahn ab München Richtung Wien Westbahnhof sollen planmäßig fahren, wie der Bahnbetreiber mitteilte. Allerdings: Grenzüberschreitende Fernreisen und Nachtzüge fallen teilweise oder ganz aus.

Kritik am kurzfristigen Beschluss

Dass die Gewerkschaft so kurzfristig einen Streik einberufen hat, sorgt für Kritik. Der Fahrgastverband Pro Bahn hätte mindestens 48 Stunden erwartet, damit mehrere Millionen deutscher Pendler für diesen Tag einen neuen Arbeitsweg organisieren können. Die deutschen Berufstätigen müssen nun mit ungefähr der Hälfte der Vorbereitungszeit auskommen.

Die Lokführer wollen weniger Stunden pro Woche arbeiten und mehr Lohn erhalten. Die Gewerkschaft fordert 555 Euro pro Monat, die Arbeitszeit für Schichtarbeiter soll von 38 auf 35 Stunden herabgesetzt werden – bei vollen Lohnausgleich. Zudem soll es eine einmalige Inflationsprämie von 3000 Euro geben, die laut einer Regelung der deutschen Bundesregierung steuerfrei wäre.

„Der Unmut ist groß“

Die Verhandler der Deutschen Bahn sagen, sie hätten der Gewerkschaft in der Auftaktrunde eine Lohnerhöhung von elf Prozent für 32 Monate und eine Inflationsprämie von 2850 Euro angeboten. „Die Lokführergewerkschaft ignoriert Absprachen und handelt verantwortungslos“, so Deutsche-Bahn-Personalvorstand Martin Seiler. Der Streik sei „eine Zumutung für die Bahnreisenden“. Für Donnerstag und Freitag waren Verhandlungsrunden geplant. Vor diesen Gesprächen erhöht die Lokführer-Gewerkschaft den Druck.

Ein Streik zur Weihnachtszeit sei aber nicht geplant, so der Vorsitzende der Gewerkschaft, Claus Weselsky. „Der Unmut der Beschäftigten ist groß, ihre Anliegen sind legitim“, sagte er. Die Arbeitszeitverkürzung sei eine Kernforderung der Verhandlungen, gerade hier würden die Bahnunternehmen aber blockieren. Wie in anderen europäische Länder mangelt es in Deutschland an Facharbeitern. Die Lokführer-Gewerkschaft verhandelt für rund 10.000 Mitarbeiter des Staatskonzerns Deutsche Bahn. In den vergangenen Jahren entwickelte sich ein Konkurrenzverhältnis zur größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die im vergangenen Jahr mehrmals rund um Lohnverhandlungen mit der Deutschen Bahn gestreikt hat.

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