Premiere im zweiten Anlauf: Andreas Vitásek ist froh, dass es am Dienstag soweit ist.
Rabenhof

Andreas Vitásek: „Lustig ist derzeit nicht so einfach“

Am Dienstag präsentiert Andreas Vitásek mit coronabedingter Verspätung sein Programm „Spätlese“. Mit der „Presse“ sprach er zuvor über Absagen, Selbstverteidigung als Boomer – und die zwiespältige Lage in seiner früheren Heimat Favoriten: „Jeder, der sagt, es gibt kein Problem, verschließt die Augen vor der Realität.“

Die Techniker sind gerade am „Einleuchten“, und die Meinungen gehen diesbezüglich ein bisschen auseinander. „Die wollen immer verschiedene Stimmungen“, klagt Vitásek. „Ich will am liebsten ein Einheitslicht.“

Es ist Montagmittag im Rabenhof, und Andreas Vitásek steht kurz vor seiner Premiere – wie auch schon vor zwei Wochen. Da hat ihn just am Vortag Corona ereilt. So etwas, sagt Vitásek, sei ihm noch nie passiert. In den ersten 20 Jahren seiner Karriere habe er überhaupt nie abgesagt, „da habe ich natürlich auch mit Grippe gespielt“. Etwas, das er heute freilich nicht mehr machen würde. „Ich habe mich auch beschädigt dadurch, dass ich krank aufgetreten bin.“ Zumindest diesbezüglich habe die Pandemie etwas gebracht. „Mittlerweile hat man eine Routine mit Absagen und Verschieben.“ Sonst seien ihm erweiterte Kochkünste geblieben. Und schönere Jogginghosen.

Damit ist fast schon zu viel über die Pandemie gesagt, in Vitáseks neuem Programm „Spätlese“ kommt sie nur als eine Nummer vor, und das im Sinn von: „Schön, dass wir uns wieder küssen und in Öffis hautnah aneinander stehen dürfen.“ Wie immer erzählt Vitásek sein Programm in einzelnen Geschichten, „es geht wie immer um meinen Alltag, der, wenn‘s funktioniert, ins Allgemeingültige hochgezogen wird.“

Hose mit Gummizug

Da geht es dann etwa auch um die Babyboomer (Vitasék führt dazu seine Hose mit Gummizug vor, die bei On-Off-Gewicht Vorteile biete, „ältere Herren haben so etwas, völlig unsexy natürlich“) und die „selbstironische Verteidigung“ seiner Generation. „Wir haben ja doch auch für einiges gekämpft. Im Nachhinein ein bissel lächerlich: für lange Haare und Rockmusik, Räucherstäbchen und Müsli. Bei Hainburg hab‘ ich leider im Spektakel gespielt und wollte mich nicht verkühlen.“

Vorsichtig mit ein paar Witzen nähere er sich aber auch jener vielzitierten Spaltung der Gesellschaft, die nicht erst Corona geschaffen habe, „die gibt es schon seit 2015 oder früher“. Es sei, findet Vitásek, ein Aspekt der Demokratie, „dass man akzeptieren muss, dass man mit Idioten zusammenlebt. Von welcher Seite auch immer gesehen. Eine Demokratie muss verschiedene Meinungen aushalten.“ Jenen, die direkt von Corona-Experten zu Putin-Verstehern zu Nahost-Experten mutierten, attestiert er freilich „irgendein gesellschaftliches Manko, das sie dadurch ausfüllen. Und vielleicht ist das eh okay.“

Ist es das? Ist es nicht mittelfristig gefährlich für eine Gesellschaft? Man müsse sich schon überlegen, warum das so ist, findet Vitásek. „Da muss man dann schon bei der Politik anklopfen und fragen: Wie werden Probleme übersehen oder absichtlich übergangen, die die Leute haben?“

Eine seiner „Geschichten“, „Favoriten revisited“, erzählt jedenfalls von einem Spaziergang durch seinen Heimatbezirk. Schon einmal hatte er für ein Programm die Stätten seiner Kindheit besucht, nun nutzte er einen Termin am Bezirksgericht für einen neuerlichen Rundgang. Start ist dabei am Keplerplatz („früher habe ich am Südtiroler Platz begonnen, aber da war eigentlich nur die Schallplatten Brigitte, und die ist jetzt endgültig zu“), von dort geht es über den Viktor-Adler-Markt („der hieß früher Horst-Wessel-Platz, bin ich draufgekommen, deshalb feiert eine Partei dort ganz gern ihren Wahlkampfabschluss, glaub ich“), weiter zum Reumannplatz, „der inzwischen auch schon berühmt-berüchtigt ist als Taschenfeitl von Wien“.

Wo früher sein Bäcker war, ist jetzt jedenfalls ein türkischer Männerfriseur, was per se ja nichts macht, „die bieten Rasuren an, unsere Friseure nicht“. Aber dass Neos-Politiker Yannick Shetty unlängst erklärte, er würde nicht mit Regenbogenfahne durch den Bezirk gehen, versteht er. „Auch nicht mit Kippa“, ergänzt Vitásek. „Jeder, der sagt, es gibt kein Problem, verschließt die Augen vor der Realität. Wenn man sagt, wir haben kein Problem im Gemeindebau, wie das irgendwann einmal affichiert war, dann muss ich sagen: Die im Gemeindebau sagen: doch. Da muss man sich nicht wundern, wenn im ehemaligen roten Gemeindebau blau gewählt wird.“

Was tun? „Da muss man halt einen Weg finden. Man kann nichts rückgängig machen, eh klar, aber man muss zumindest schauen, wie es weitergeht. Aber jetzt, mit diesem Antisemitismus von verschiedenen Seiten – das entzieht sich der kabarettistischen Betrachtung. Es macht mich nur persönlich fassungslos. Das kommt also nicht im Programm vor. Weil es ja doch auch ein bissi lustig sein soll. Was aber nicht so einfach ist im Moment.“

Zur Person

Andreas Vitásek wurde am 1. Mai 1956 geboren und wuchs in Favoriten auf. Er studierte Theaterwissenschaft und Germanistik, besuchte die Theaterschule von Jacques Lecoq in Paris. Zuletzt erschien seine Biografie „Ich bin der andere“. Er ist neuer Intendant der Kultursommers Güssing. Sein neues Programm Spätlese beleuchtet „die Zeitenwende aus der Sicht eines satirischen Einzelgängers“. Premiere: 21. November, 20 Uhr, Rabenhof.

Web: rabenhoftheater.com

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