Interview

„Russlands Ressourcen sind groß, aber nicht unerschöpflich“

Die russische Politologin Ekaterina Schulmann beim „Presse“-Interview in Wien.
Die russische Politologin Ekaterina Schulmann beim „Presse“-Interview in Wien.Oksana Guzenko
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Wo sie auftritt, kommen Hunderte: Die Russin Ekaterina Schulmann ist eine Art Popstar der Politikwissenschaft. Anlässlich ihres Wien-Besuchs sprach sie mit der „Presse“ über die demografischen Grenzen für Putins Kriegsmühlen, den Beitrag der Technokraten zur Rüstungswirtschaft und warum sie derzeit keine Rückkehr in ihre Heimat riskiert.

Die Presse: Putin braucht einen Sieg in der Ukraine, heißt es oft. Aber ist es nicht andersrum: Ein langer, dauerhafter Krieg wäre eigentlich wünschenswerter für sein Regime, da der Krieg es mittlerweile legitimiert?

Ekaterina Schulmann: Beide Alternativen sind fragwürdig. Niemand weiß, was ein Sieg in der Ukraine wäre. Die Ziele der sogenannten Spezialoperation wurden niemals erklärt. Einmal hieß es Entnazifizierung, dann wieder die Verteidigung Russlands gegen den Westen und seine Werte. Die Begründungen ändern sich. Das im westlichen Diskurs jüngst so beliebte Konzept des „Ewigen Kriegs“ wirft ebenfalls Fragen auf. Russlands Ressourcen sind groß, aber nicht unerschöpflich.

Aber Russland geht es wirtschaftlich besser, als prognostiziert wurde.

Ökonomische Resilienz beweist es dank zweier Faktoren: Das Land hat ein kompetentes Finanzmanagement und eine noch teilweise freie Marktwirtschaft. Die russische Wirtschaft ist viel flexibler als einst die Sowjet-Wirtschaft. Anders als in der Sowjetunion besteht die russische Wirtschaft neben den Staatsbetrieben aus großen Privatkonzernen und dem „grauen“ Sektor der Klein- und Mittelbetriebe sowie Selbstständigen. Jeder Sektor nimmt etwa ein Drittel ein. Der letzte Sektor hat sich am besten dem Sanktionsregime angepasst und führt die Parallelimporte durch. Unlängst erklärte der Sekretär des Sicherheitsrates, Nikolaj Patruschew, dass die Parallelimporte gestoppt werden sollten, da sie das Potenzial der russischen Wirtschaft beim Importersatz behindern würden. Es wird interessant sein zu sehen, ob dieser Ankündigung Schritte folgen werden. Jedenfalls gab es im Management der russischen Wirtschaft seit Kriegsbeginn keine signifikanten personellen oder politischen Veränderungen. Die Mobilisierung der Wirtschaft, wie sie vom patriotischen Sektor gefordert wurde, ist nicht passiert.

Es gibt keine „harte“ russische Kriegswirtschaft?  

Noch nicht. Um es in einfachen Worten zu sagen: Kein wirtschaftspolitischer Hardliner wie Sergej Glasjew ist Chef der Zentralbank geworden. Die Zentralbank, das Finanzministerium, das Wirtschaftsministerium – sie alle werden von denselben russischen Technokraten geleitet wie vor Kriegsbeginn. Der Staat versucht den Militärindustriellen Komplex durch Marktmechanismen anzukurbeln. Die Technokraten reformieren diesen Sektor. Sie sind darauf sehr stolz: Wir „Zivile“ sind in der Rüstungsindustrie angekommen und verbessern sie effektiv, sagen sie. Man wird sehen, ob es der Präsident ebenso sieht, aber wir können bekräftigen, dass die Kriegseuphorie vorüber ist, was Trends in der öffentlichen Meinung und den Optimismus der Konsumenten betrifft.

Was zeichnet sich denn hier ab?  

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