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Daniela Chana: Nur noch Rüpel unter uns?

Auf dem Gehsteig mit dem Fahrrad: ein Notfall oder nur ein trotziger Protest gegen irgendetwas?
Auf dem Gehsteig mit dem Fahrrad: ein Notfall oder nur ein trotziger Protest gegen irgendetwas?Foto: Dirk Kruell/Picturedesk
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Sie bleiben direkt nach dem Einsteigen mitten in der Tür der U-Bahn stehen, sodass niemand mehr hineinkann. Sie verstopfen die schmalen Gänge, statt sich auf einen freien Sitz zu setzen und damit Platz für andere zu schaffen. Über die Rüpelhaftigkeit.

Als passionierte Zugreisende und tägliche U-Bahn-Passagierin erfahre ich mehr über die Menschen und ihre Abgründe, als ich jemals wissen wollte. Nicht nur weil sie mitten im vollen Waggon lautstark mit Behörden, Ärzten oder Therapeuten telefonieren und jeden Anwesenden über ihre persönlichen Daten, Krankheiten, verwaltungsrechtlichen Probleme, Kindheitstraumata und Liebesdramen informieren, sondern auch weil ihr Benehmen während einer kurzen Zugfahrt viel über sie verrät. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass die meisten Leute, über deren Verhalten ich mich wundere, nicht absichtlich rücksichtslos sind, sondern einfach kein ausgeprägtes Bewusstsein dafür haben, dass es noch andere Menschen auf der Welt gibt. Sie bleiben direkt nach dem Einsteigen mitten in der Tür der U-Bahn stehen, sodass niemand mehr hineinkann. Sie verstopfen die schmalen Gänge, statt sich auf einen freien Sitz zu begeben und Platz für andere zu schaffen. Sie bekommen Panik, sobald der Zug ihre Station erreicht, und kämpfen sich bittend, schreiend, bettelnd durch die fahrende U-Bahn, als ob es sich um ein Gefängnis handelte, aus dem sie nach jahrelanger Haft endlich entkommen möchten. Bei der Sorge, aus einem U1-Waggon nicht mehr lebend herauszukommen, muss es sich um eine erstaunlich weitverbreitete Neurose handeln.

Über diese Achtlosigkeiten kann ich an entspannten Tagen lächeln. Wenn ich gut gelaunt bin, kann ich annehmen, dass die Menschen, die auf dem Gehsteig mit Fahrrädern und E-Scootern aus allen Richtungen auf mich zurasen, es aufgrund eines Notfalls besonders eilig haben und deswegen keine Rücksicht auf mich und andere Fußgänger nehmen können. Was mich hingegen veritabel deprimieren kann, sind die tatsächlichen Rüpel. Damit meine ich jene Menschen, die sich nicht aus Nachlässigkeit oder Versehen unaufmerksam verhalten, sondern hinter deren schlechtem Benehmen eine gewisse Absicht aufblitzt, die einen trotzigen Protest gegen irgendetwas ausdrücken will. Diese Haltung löst in mir eine innere Abwehrreaktion aus, weil sie mich zwingen will, mich in meinem vollgepackten Alltag noch mit dem Frust einer fremden Person beschäftigen zu müssen.

Ich schrecke vor lauten Stimmen zusammen

Vor einigen Jahren fuhr ich eine Zeit lang regelmäßig mit dem Zug zwischen Wien und Salzburg hin und her. Einmal saßen ein paar Reihen hinter mir Jugendliche, die laute Musik aufgedreht und mehrere Flaschen Alkohol bei sich hatten. Die eine oder andere geleerte Flasche kullerte irgendwann über den Gang, direkt an meinen Füßen vorbei. Vielleicht ist es mein Fehler, dass ich das Ganze nicht lustig fand, sondern 2,5 Stunden angespannt auf meinem Sitz saß, das Buch in meinem Schoß anschaute, auf das ich mich nicht konzentrieren konnte, und mich unwohl fühlte. Grölende Menschen schaffen es immer, mir Angst zu machen, selbst wenn sie in den meisten Fällen wohl harmlos sind. Es mag sein, dass sich da ein Instinkt Bahn bricht, der mich vor zu lauten Stimmen zusammenschrecken lässt wie vor dem Brüllen eines potenziell gefährlichen Tieres. Entsprechend war ich erleichtert und voller Hoffnung, „erlöst“ zu werden, als der Schaffner durch den Waggon ging, um die Tickets zu kontrollieren. Er würde doch die Burschen zurechtweisen, dachte ich, schließlich verstießen sie gegen einige Verbote, die in jedem Waggon als Aushang nachzulesen sind. Leider wurde ich diesbezüglich enttäuscht. Offensichtlich waren alle in der Gruppe imstande, gültige Fahrkarten vorzuweisen, und fielen dem Schaffner daher nicht negativ auf. Mich meinerseits bei dem Bediensteten zu beschweren wagte ich nicht, da es bedeutet hätte, mich vor den Jugendlichen zu exponieren. Während ich dies schreibe, werde ich wieder unsicher und frage mich, ob es an mir liegt, dass ich das Verhalten der Burschen im Zug so unerträglich fand. Ich weiß, dass ich die Tendenz dazu habe, eine Spaßbremse zu sein, und hänge mir dieses Label durchaus gern um. Immerhin nahmen auch alle anderen Mitreisenden die Geräuschkulisse schweigend zur Kenntnis – ob aus Angst, Scham oder weil es sie tatsächlich nicht störte, kann ich nicht beurteilen.

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