Fabelhaft

Gibt es Wolpertinger wirklich?

Collage von Nina Ober, Fotos: Hersteller, Istock.
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Raurackl, Wolpertinger, Tatzelwurm und Basilisken sind Fabelwesen. Deren Ursprung erklärt der Leiter der ersten zoologischen Abteilung am Wiener Naturhistorischen Museum.

In einer Internet-Suchmaschine tauchen weit oben unter den Ergebnissen auch jene Fragen auf, die von anderen häufig zu einem Thema eingegeben werden. Hier lautet die erste gleich: „Are Wolpertingers real?“ Die Antwort lautet selbstverständlich nein, wie auch Ernst Mikschi, Leiter der ersten zoologischen Abteilung am Wiener Naturhistorischen Museum, betont. Gleichwohl hat er eine Affinität zu Fabelwesen wie Raurackl (die österreichische Entsprechung des bayerischen Wolpertingers), Tatzelwurm und Basilisk. „Bei all diesen Geschöpfen handelt es sich nicht einmal ansatzweise um vermutete Arten, für deren Existenz man in der Kryptozoologie Belege suchen würde“, sagt Mikschi.

Der Wolpertinger, in der Urform ein Hase mit dem Geweih eines Rehbocks, lässt sich also nur mit Jägerlatein beschreiben, ebenso der aus verschiedenen animalischen Versatzstücken bestehende Tatzelwurm, der für das Verschwinden von Wandersleuten im Hochgebirge verantwortlich sein soll. Die Seebewohnerin „Nessie“ hingegen wäre ein Fall für die Kryptozoologie; für sie würden manche am liebsten noch den letzten Kubikmillimeter Loch-Ness-Wasser abseihen.

Pantoffel „Curly“ aus Leder und Shearling von Rosa Mosa, 294 Euro (Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien).
Pantoffel „Curly“ aus Leder und Shearling von Rosa Mosa, 294 Euro (Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien).Collage von Nina Ober, Fotos: Hersteller, Istock.
Schapka aus Lammfell von Chanel, 1730 Euro (Tuchlauben 1, 1010 Wien). 
Schapka aus Lammfell von Chanel, 1730 Euro (Tuchlauben 1, 1010 Wien). Collage von Nina Ober, Fotos: Hersteller, Istock.

Bei Vollmond am Waldrand

„Eine mögliche Erklärung für die Darstellung von riesigen Seeschlangen aus vergangenen Jahrhunderten wären in der Gruppe nach Plankton suchende Walhaie, deren Flossen die Schlangenform als optische Täuschung darstellen“, erläutert Ernst Mikschi. Nach dem Wolpertinger aber müsse man nicht lang suchen, schließlich besagen auch Legenden, dass noch nie ein Exemplar gefangen worden sei. Doch müsse sich eine Jungfrau in Begleitung eines Jägers bei Vollmond in den Wald begeben, um seiner ansichtig zu werden: „Die Motivation scheint mir eindeutig“, lautet Mikschis lapidarer Kommentar. „Als Strategie, schöne Mädchen an den Waldrand zu locken, ist das eher plump.“ Die angenommene Existenz des Tatzelwurms sei hingegen darauf zurückzuführen, dass eben mit dem Hochgebirge unvertraute Wanderer früher häufig nicht von ihren Ausflügen zurückgekehrt seien. Es entspricht einer gewissen Skandalgetriebenheit in der menschlichen Natur, dies auf die Existenz einer Schlangenechse mit Katzenkopf zurückführen zu wollen.

„Météorites“-Make-up-Perlen von Guerlain in limitierter Festtagsedition, 64 Euro, im ­Fachhandel. Entspannendes Öl-Aromabad „Bath for the Senses“ von Susanne Kaufmann, 250 ml um 51 Euro, im Fachhandel.
„Météorites“-Make-up-Perlen von Guerlain in limitierter Festtagsedition, 64 Euro, im ­Fachhandel. Entspannendes Öl-Aromabad „Bath for the Senses“ von Susanne Kaufmann, 250 ml um 51 Euro, im Fachhandel.Collage von Nina Ober, Fotos: Hersteller, Istock.
Luxuspflege „Ultimate The Cream“ von Sensai mit neuer Formel, Extrakte von Eukalyptus- und Heidelbeerblatt sollen verjüngende Autophagieprozesse auslösen, 40 ml um 832 Euro, im Fachhandel.
Luxuspflege „Ultimate The Cream“ von Sensai mit neuer Formel, Extrakte von Eukalyptus- und Heidelbeerblatt sollen verjüngende Autophagieprozesse auslösen, 40 ml um 832 Euro, im Fachhandel.Collage von Nina Ober, Fotos: Hersteller, Istock.

In der Sammlung des Naturhistorischen Museums befindet sich tatsächlich eine Nachbildung des seit der Antike in Legenden beschriebenen Basilisken (man kann sich auf Echsen- oder Schlangenelemente mit Hühnerbeteiligung einigen). „Unser Exemplar besteht aus umgebauten Rochen und ist etwa 400 Jahre alt, stammt aus der Zeit der Wunder- und Kunstkammern“, so Ernst Mikschi. Einen imposanten Tatzelwurm wiederum hat die NHM-Präparationsabteilung für eine Sonderausstellung in Kitzbühel nach alten Überlieferungen angefertigt.

Die menschliche Natur

Eng mit einem Präparator arbeitet auch die Wiener Künstlerin Deborah Sengl zusammen, „und das mittlerweile seit zwanzig Jahren“, wie sie feststellt. Ein Grundinte resse an der Tierwelt trieb sie einst dazu, parallel zu ihrem Kunst- auch ein Biologiestudium zu beginnen. Da sie aber dazu tendiere, „alles immer zu 150 Prozent zu machen“, habe sie diese Doppelgleisigkeit nach einigen Semestern wieder aufgegeben; die Affinität sei aber geblieben.

Mischwesen. Ein Schafswolf von Deborah Sengl: „Der Wolf – als Räuber – ertarnt sich seine begehrte Beute“ (2003). 
Mischwesen. Ein Schafswolf von Deborah Sengl: „Der Wolf – als Räuber – ertarnt sich seine begehrte Beute“ (2003). Beigestellt.

Für ihr Kunstschaffen bedeutete dies, dass sie früh taxidermische Tierversatzstücke in ihre Skulpturen integrierte. „Der Vergleich mit Wolpertingern ist tatsächlich wiederholt gezogen worden“, erzählt sie. „Bei mir geht es aber immer darum, den Menschen in einer Zwiespältigkeit darzustellen.“ Das betrifft etwa eine ihrer bekanntesten Arbeiten aus diesem Bereich, den Wolf im Schafspelz oder, wie der exakte Titel lautet: „Der Wolf als Jäger ertarnt sich seine begehrte Beute“.

Kindertrolley mit Tiermuster von Samsonite, 99 Euro (Neuer Markt 9, 1010 Wien)
Kindertrolley mit Tiermuster von Samsonite, 99 Euro (Neuer Markt 9, 1010 Wien)Collage von Nina Ober, Fotos: Hersteller, Istock.
Ringe aus der „Princess Verona“-Kollektion von Roberto Coin in Roségold, mit schwarzen und weißen Diamanten und Rubinen gearbeitet, 3620 Euro, 2450 Euro, 6010 Euro (v. l.), bei Juwelier Kruzik (Lainzer Straße 3/5, 1130 Wien
Ringe aus der „Princess Verona“-Kollektion von Roberto Coin in Roségold, mit schwarzen und weißen Diamanten und Rubinen gearbeitet, 3620 Euro, 2450 Euro, 6010 Euro (v. l.), bei Juwelier Kruzik (Lainzer Straße 3/5, 1130 WienCollage von Nina Ober, Fotos: Hersteller, Istock.

Diese hybriden Tarnkleider, in die sich Sengls (Fabel-)Wesen hüllen, verweisen auf die Domäne des Menschlichen. „Auch wir schlüpfen in Rollen und tarnen uns sozusagen, um jemandem zu gefallen oder auch um beruflichen Erfolg zu erlangen.“ Dass die Arbeit mit taxidermischem Material Anstoß erregen könnte, hat Sengl, die zu Beginn ihrer Karriere auch Präparate aus dem elterlichen Haushalt verarbeitete (eine Kobra, einen Hirschkopf, ein Wildschweinfell), hie und da erlebt. „Ich kann meine Position aber gut argumentieren und finde auch selbst Tierethik sehr wichtig“, betont sie, fügt aber hinzu: „Ein Präparat von einem Tier, das einmal gelebt hat, hat eine andere Aura als etwas Simuliertes. Das ehemalige Leben ist noch immer drinnen.“ Eine ähnliche Überzeugung hat wahrscheinlich auch jene angetrieben, die einst für Kunst- und Wunderkammern Fabeltiere zusammengestückelt haben.

Tatzelwurm. Ein Meisterwerk aus der Abteilung des Naturhistorischen Museums, gefertigt nach historischen Beschreibungen. 
Tatzelwurm. Ein Meisterwerk aus der Abteilung des Naturhistorischen Museums, gefertigt nach historischen Beschreibungen. NHM

Für die Collagen wurden folgende Bilder von Istock verwendet: Istock/ZU_09 (3), Istock/fotiksonya, Istock/Nastasic, Istock/Christine_Kohler, Istock/Andrew_Howe, Istock/ilbusca, Istock/JMrocek,
Istock/FotoRequest, Istock/RASimon, Istock/rusm, Istock/GlobalP.

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