Expedition Europa

Ein Souvenir aus Karabach

Mein Ziel: ein Ge­schenk aus Ka­ra­bach zu finden, von wo die ar­me­ni­sche Be­völ­kerung inzwischen ge­flo­hen war.
Mein Ziel: ein Ge­schenk aus Ka­ra­bach zu finden, von wo die ar­me­ni­sche Be­völ­kerung inzwischen ge­flo­hen war.IMAGO/Aik Arutunyan
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Expedition Europa: Ich suchte für Freunde ein Hoch­zeits­ge­schenk. Sie hatten sich vor 30 Jahren in Bergkarabach kennengelernt.

Im November suchte ich für Wiener Freunde, die sich nach 30 Jahren wilder Ehe das Jawort gaben, ein Hoch­zeits­ge­schenk. Die beiden waren im November 1993 zusammengekommen, als Kriegs­re­por­ter in Stepanakert, der Hauptstadt der von Aser­baid­schan ab­ge­spal­tenen Armenier-Republik Bergkarabach. Der er­ste Ka­ra­bach­krieg dau­erte Jahre und endete mit einem Triumph der Ar­menier. Der drit­te Karabachkrieg dauerte einen Tag und endete am 20. September mit der Rückeroberung durch Aser­baid­schan.

Am Tag vor der Hochzeit, genau 30 Jahre nach dem Beginn ihrer Ro­manze, flog ich nach Jerewan. Mein Ziel: ein Ge­schenk aus Ka­ra­bach zu finden, von wo die ar­me­ni­sche Be­völ­kerung inzwischen ge­flo­hen war. Nachdem ich auf fünf Armenienreisen seit dem zwei­ten Ka­ra­bach­krieg 2020 nichts anderes wahrgenommen hatte als Fa­ta­li­s­mus und innere Zer­rüttung, erwartete ich an jenem re­genwarmen No­vem­bertag einen Tief­punkt na­tio­naler Dep­res­sion. Zu mei­ner Über­ra­schung fand ich ge­ra­de­zu Er­leich­terung vor. Als könnten beide La­ger Ar­meniens, be­freit von der Bürde der inter­na­tio­nal nicht an­er­kann­ten Ab­spal­tung Ka­ra­bachs, nun frei von der Leber weg reden.

So stieß ich erstmals auf einen Armenier, der die drei Krie­ge um die „heilige armenische Erde“ der offiziell „Arzach“ genannten Ex­kla­ve „über­flüs­sig“ nannte: „Wir haben 2020 sinnlos 5000 un­se­rer Kin­der geopfert.“ Der Mann war ein Anhänger des pro­west­li­chen Pre­mier­ministers Nikol Pa­schinjan, der die Auf­ga­be Ka­ra­bachs dip­lo­ma­tisch mit eingeleitet hatte. Er hielt Pa­schinjan einen auf der „weit­ge­hen­den Aus­rottung der Korruption“ be­ruhenden Wirt­schafts­auf­schwung zu­gute so­wie die künftige Aufrüstung Armeniens durch die EU. Zweiteres war eine Fehlinformation.

Armenier und Juden teilen die Erfahrung eines Völkermords

Nebenbei interessierte mich das Thema Antisemitismus. Einerseits tei­len Armenier und Juden die Erfahrung eines Völkermords, an­de­rer­seits gaben in einer fünf Jah­re al­ten Pew-Research-Studie 32 Pro­zent der arme­­ni­schen Be­frag­ten an, Ju­den nicht als Mitbürger zu ak­zeptieren. Drei Ta­ge vor dem 7. Ok­to­ber wurde ein Bethaus der kleinen jüdischen Ge­mein­de Ar­me­ni­ens mit blut­ähn­licher Far­be be­schmiert. Israels Waffenlieferungen an Aserbaidschan hatten die ­Be­ziehungen verdorben. Ich fragte die Vorsitzende der jü­di­schen Ge­meinde Armeniens per SMS, ob sie noch an ih­rem Dik­­tum – „Es gibt keinen An­ti­semitismus in Armenien“ – festhält. Rima Var­scha­pet­jan-Feller schrieb zurück: „Früher war es auf je­den Fall ru­higer, jetzt ist das an­ders. Es gibt eine Kategorie von Leu­ten, die kein Mit­gefühl für Israel aufbringen, aber auch die Ha­mas nicht un­ter­stüt­zen.“ Eine verbreitete Jerewaner Haltung zum Ga­za­-Krieg schien mir zu sein: „Ge­schieht ihnen recht.“ Ih­nen, den Is­rae­lis.

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