Gastkommentar

Politik zu Lasten Studierender droht

Fremdsprachen. Das geplante Ende für Türkisch als Maturafach sollte überdacht werden. Mehrsprachigkeit ist eine Ressource.

Seit 2004 besteht – und möglicherweise bald bestand – die Möglichkeit, sich am Abendgymnasium Wien (auch: Gymnasium für Berufstätige) für Türkisch als zweite lebendige Fremdsprache einzuschreiben. Die Initiative dazu entsprang einst den Bemühungen des ehemaligen Direktors des Abendgymnasiums, Oskar Achs. Zwar konnten Zuwanderer:innen aus dem früheren Jugoslawien Serbisch und Kroatisch als lebendige Fremdsprachen im österreichischen Schulwesen wählen, doch für die türkischsprachige Gruppe war diese Wahl nicht zugänglich. Deshalb entschied das Bundesministerium, einen Schulversuch zu starten. Das Abendgymnasium Wien ist zurzeit die einzige Bildungseinrichtung, an der Studierende die Gelegenheit haben, Türkisch als Maturafach zu belegen. Dieser Versuch wurde bisher stets verlängert. In der Zwischenzeit wurde das Fach „Türkisch als zweite lebendige Fremdsprache“ am Schulstandort auch an die neuen Zentralmatura-Prüfungen angepasst.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare“

Nun wurde beschlossen, ab 2025 keine neuen Klassen mehr zu eröffnen und ab 2027 den Türkischunterricht ganz einzustellen. Bis ungefähr 2018 wurde Türkisch auch als Fach für Externist:innen angeboten, wodurch viele Studierende von Tagesschulen die Option hatten, Türkisch als zweite Fremdsprache zu wählen. Dies wurde bedauerlicherweise eingestellt. Die Mehrheit der Studierenden am Abendgymnasium beherrscht gesprochenes Türkisch gut, weist jedoch erhebliche Mängel in Grammatik und Rechtschreibung auf. Der Türkischunterricht ermöglichte den Studierenden, ihre sprachlichen Kompetenzen zu erweitern, sozialen Aufstieg, zusätzliche Chancen und persönliche Qualifikationen, den Aufbau von Brücken zwischen Kulturen und eine positive Identitätsentwicklung.

Laut Angaben des Integrationsfonds leben über 270.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Österreich. Jedes Semester schreiben sich zahlreiche Studierende ein, und einige von ihnen schließen erfolgreich Türkisch als Maturafach ab. Es wäre bedauerlich, wenn diese Möglichkeit als einzige Schule in ganz Österreich nicht mehr fortbestehen würde. Dies auch aus dem Grund, da Mehrsprachigkeit eine persönliche, vor allem aber gesellschaftliche Bereicherung in einer an Vielfalt ständig wachsenden Gesellschaft ist, die auch vonseiten der Politik viel mehr wertgeschätzt und gefördert werden sollte. So ist es unverständlich, dass bestimmte Formen der Mehrsprachigkeit nach wie vor als Risiko für den Bildungserfolg gelten. Stattdessen sollte man auch die Chancen sehen, die sich nicht nur den bilingualen, sondern allen Kindern eröffnen.

Sonderform des Rassismus

Dass andere Bundesländer bereits eine Deutschpflicht in der Pause beschlossen haben, sollte kein Vorbild für Wien sein. So ist „Linguizismus“, also eine spezifische Form des Rassismus, abzulehnen. Dabei werden Menschen, die eine bestimmte Sprache oder einen bestimmten Dialekt sprechen, diskriminiert. Vorbeugen kann man dies etwa damit, dass häufig gesprochene Sprachen wie Türkisch als Maturafach zugelassen werden. Nicht zuletzt wird man sich in einem Land erst dann endgültig integrieren können, wenn man die Kultur der Eltern oder eines Elternteiles besser verstehen lernt. In den USA gibt es beispielsweise eigene Programme für die „heritage speakers“, die besonders dafür geschaffen wurden, damit die Kinder diese Herkunftskultur nicht verlieren. So wie in den USA sollte man Mehrsprachigkeit auch in Österreich als eine Ressource betrachten.

Paul Schwarzenbacher studierte Rechtswissenschaften in Wien und Mailand. Er war beruflich in Österreich, Italien und Spanien tätig und ist nunmehr stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik (ÖGRL).

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.