Gastkommentar

Sündteure Medikamente: Wer soll da entscheiden?

Ein paar Ratschläge zur neuen Medikamentenkommission von Minister Rauch.

Im Jahr 2005 trat die damalige Gesundheitsministerin, Rauch-Kallat, an den Obersten Sanitätsrat mit dem Anliegen heran, ob man nicht Verschreibungsrichtlinien für besonders teure Krebsmedikamente erarbeiten könnte. Grund dieser Aktivität war, dass zu dieser Zeit einige sehr teure neue Krebsmedikamente auf den Markt gekommen waren, die sowohl von den zuständigen Pharmafirmen als auch von manchen Krebsärzten massiv beworben wurden.

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Diese Promotion von Medikamenten stand im gewissen Widerspruch zu seriösen klinischen Studien, die nur eine geringe Verlängerung der Überlebenszeit schwer­kranker Krebspatienten nachgewiesen hatten. Ebenso konnte nicht gezeigt werden, dass durch diese Medikamente die Lebensqualität in den letzten Monaten vor dem Tod entscheidend verbessert wird.

Auf den ersten Blick scheint es logisch, wie gerade von Minister Johannes Rauch mit einer neuen Kommission angedacht, Regeln festzulegen, welche Medikamente verwendet und welche nicht vom öffentlichen Gesundheitssystem finanziert werden sollen. Wir haben das damals auch diskutiert, haben aber rasch die Hände davon gelassen, weil man in dieser Sache leicht in Teufels Küche kommt.

Die heikle Kostenfrage

Was bedeuten drei Monate länger leben für einen Todkranken? Wenn dieser Patient trotz aller Bemühungen am Ende kein selbstbestimmtes Leben mehr hat, so wird er die Anwendung eines teuren Medikaments, das sein Leben verlängert, wahrscheinlich verfluchen, sofern er es noch kann.

Anders sieht es bei einem todkranken Menschen aus, der mithilfe der Palliativmedizin noch halbwegs existieren kann und sich sehnlichst eine Lebensverlängerung durch ein teures Medikament wünscht, um die bevorstehende Geburt eines Enkelkindes oder das Weihnachtsfest in der Familie noch zu erleben. Wer soll in diesem Fall entscheiden, wie viel diese wenigen Monate Lebensverlängerung der Gesellschaft wert sein sollen? Noch schwieriger sind Entscheidungen bei durch genetische Defekte schwerstbehinderten Kindern. Manche dieser Therapien sind sehr teuer. Helfen Sie wirklich den Kindern, oder dienen sie eher der Psychohygiene der Eltern? Es ist schwer vorstellbar, dass solche Fragen von einer Kommission gelöst werden können.

Die Kommission erweitern

Umgekehrt gibt sehr wohl Bereiche, wo so eine Kommission hilfreich sein könnte. Ein gutes Beispiel sind die neuen Medikamente beim Altersdiabetes, Semaglutide, im Volksmund Wunderspritze genannt. Diese Medikamente werden zwar zweckentfremdet zum Abnehmen verwendet. Alle Studien zeigen jedoch, dass sie derzeit das beste Mittel zur Behandlung von Altersdiabetes sind und scheinbar auch die Spätfolgen dieser Erkrankung stark reduzieren.

Leider sind diese Medikamente noch sehr teuer. Die neue Kommission könnte hier wertvolle Arbeit leisten, indem sie die Kosten dieser Medikamente den Einsparungen für das Gesundheitssystem durch Reduktion der Behandlungskosten der Spätfolgen von Altersdiabetes gegenüberstellt. Dies gilt allgemein für die gesamte Prävention. Hier könnte die Kommission Unglaubliches leisten.

Minister Rauch wäre gut beraten, die Kommission dahingehend zu erweitern, dass dort auf der einen Seite jene, die es umsetzen müssen – klinisch tätige Ärzte mit ethischem Tiefgang, Palliativmediziner, Gesundheitsökonomen –, auf der anderen Seite die Betroffenen – Patienten – bei der Entscheidungsfindung das Sagen haben. Die von ihren politischen Vorgesetzten entsandten Beamten und die Vertreter der Sozialversicherung, die möglichst wenig zahlen wollen, werden das Problem nicht lösen.

Univ.-Prof. Dr. Ernst Wolner war von 1994 bis 2012 Präsident des Obersten Sanitätsrats.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

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