Die Ich-Pleite

Verdoppelung der Preise, Halbierung der Serviceleistung

Carolina Frank
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Wer heute ein Hotel hat, bekomme eine so fette Gehaltserhöhung, die hätten sich nicht einmal die Metaller zu verlangen getraut.

Ich habe eine Freundin, die ist Tirolerin, wie ich. Zufällig. Und wie ich ist sie in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Zimmer vermietet wurden. Zu der Zeit, als meine Freundin noch klein war, sagte man noch „Fremdenzimmer“ dazu. Heute würde man „Gästezimmer“ sagen. Weil der Gast soll sich ja willkommen fühlen. Die Mutter meiner Freundin hat 48 Schilling pro Kopf pro Nacht verlangt. Dazu hat sie den Fremden ein Frühstück serviert, das aus einem Ei, zwei Semmeln, zwei Scheiben Schwarzbrot, selbst gemachter Marmelade, Käse und Schinken bestand. Und wenn die Fremden mehr wollten, bekamen sie mehr. Die meisten wollten mehr. Und dazu gab es den Vater als Bergführer und die Kinder als Unterhaltung gratis dazu. Aber irgendwann hat die Mutter meiner Freundin den kleinen Betrieb aufgegeben, weil es sich nicht mehr rentiert hat. Die Fremden fressen mir die Haare vom Kopf, hat sie gesagt. Und der Ehemann wäre ihr fast davongelaufen.

Die Mutter meiner Freundin träumte trotzdem davon, dass meine Freundin die Tourismusschule besucht. Weil da kannst du in einem großen Hotel arbeiten oder gar ein eigenes aufmachen. Heute, sagt meine Freundin, bereue sie es, dass sie nicht auf ihre Mutter gehört habe. Denn wer heute ein Hotel hat, bekomme eine so fette Gehaltserhöhung, die hätten sich nicht einmal die Metaller zu verlangen getraut. Als Dank für die Coronakrise, schimpft meine Freundin jetzt ein bisschen, wo die Steuerzahler die Hotellerie durchgebracht hätten, revanchiere sie sich jetzt mit der Verdoppelung der Preise! Und einer Halbierung der Serviceleistungen. Mich wundert es nicht, sagt meine Freundin, dass die Hotels kein Personal mehr bekommen. Wer kann sich bei den Preisen noch ein Trinkgeld für die Kellner leisten!

 (Die Presse Schaufenster, 7.12.2023)

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