Grätzelwalk

In Graz auf vier Kaffees ohne Verabredung

Gukubi Mato alias Tom Biela und Martín Guevara Kunerth vor dem Rossian auf dem Kaiser-Josef-Markt.
Gukubi Mato alias Tom Biela und Martín Guevara Kunerth vor dem Rossian auf dem Kaiser-Josef-Markt. Tom Biela
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Unterwegs zu den Stammlokalen des Grazer Künstlerkollektivs Gukubi Mato. Wo sie die Rituale des öffentlichen Raums und das kollektive Co-Existieren beobachten.

Ein Dienstagmorgen im Frühling auf dem Kaiser-Josef-Platz. Die Marktbeschickerinnen und Marktbeschicker haben schon früh ihre Stände aufgebaut und verkaufen allerlei Regionales: Kernöl, Käferbohnen, Speck, Selchwurst, Blumen und: Nusskronen. „Die beste Nusskrone der Welt gibt es am Stand der Bäckerei Tengg. Normalerweise sind die sofort ausverkauft, deshalb reservier ich sie mir telefonisch vor“, lacht Tom Biela und bestellt sich im gleichen Atemzug einen weiteren Cappuccino. Im Rossian, unserem ersten Halt, und dem „verlängerten Wohnzimmer“ von Gukubi Mato, dem Künstlerkollektiv, das Biela mit Martín Guevara Kunerth gegründet hat. Von der Terrasse des Lokals lässt sich – einen Kaffee nach dem anderen trinkend – das Markttreiben gut beobachten. Zeit spielt eine untergeordnete Rolle.

Die grüne Sturmhaube ist das Markenzeichen von Gukubi Mato.
Die grüne Sturmhaube ist das Markenzeichen von Gukubi Mato. Tom Biela

Poetische Ausschnitte nicht exklusiver Schönheit

Mit Zeit und Wahrnehmung beschäftigt sich Gukubi Mato auch künstlerisch: Dazu gehören mikroskopische Materialerkundungen oder kinetische Objekte wie ein abstrakter Zeitmesser, der mit Farbe und Bewegung arbeitet. „Unser Traum ist, dass in Zukunft ein Kirchturm damit bespielt wird, um den Leuten – vielleicht auch nur unterbewusst – zu vermitteln: Zeit ist nur Bewegung im Raum – entspann dich“, so Biela. Entspannter gestaltet sich auch sein Leben, nachdem er nach zehn Jahren Architekturbüro den Job an den Nagel gehängt hat. Statt am Computer zu arbeiten, schwang er sich aufs Rad und lernte als Fahrradbote den Stadtraum neu kennen. „Daraus entstand die Leidenschaft für die Architekturfotografie.“ Es sind poetische Ausschnitte nicht exklusiver Schönheit.

»Unser Traum ist, dass in Zukunft ein Kirchturm damit bespielt wird, um den Leuten – vielleicht auch nur unterbewusst – zu vermitteln: Zeit ist nur Bewegung im Raum – entspann dich«

Tom Biela

Gukubi Mato

Eines dieser Kunstwerke befindet sich nicht unweit des Kaiser-Josef-Platzes am Dietrichsteinplatz: eine Perle der Grazer Nachkriegsmoderne des Architekturbüros Illgerl Peneff Walch mit besonderem Stiegenaufgang.

Auf dem Kaiser-Josef-Markt werden derweil die Holzstände weggeräumt, langsam übernehmen die Skater den Raum. Abends kann es richtig voll werden, wenn sich halb Graz auf den zusammengeklappten Ständen ein, zwei Aperolspritzer gönnt. „Man muss aber nicht konsumieren, um eine gute Zeit zu haben“, ergänzt Guevara Kunerth. Für beide ist der Platz ein kollektiver Ort der Co-Existenz. Den sich die Menschen wieder angeeignet haben, nachdem das Skaten für einige Zeit auf öffentlichen Plätzen untersagt war.

Am neuralgischen Punkt zwischen Ost und West

Wir machen uns auf zum nächsten Kaffeehaus: das Schwalbennest, ein rotes, unübersehbares Eckhaus-Café direkt am Franziskanerplatz. An diesem neuralgischem Punkt, wo die Ost- und Westseite von Graz aufeinanderstoßen, hat man freien Blick auf das Kunsthaus, die Murbrücke, den Kapistran-Pieller-Platz und den westlichen Zugang zum Franziskanerplatz. Mit ein bisschen Glück bekommt man sogar ein Plätzchen auf der Sonnenterrasse.

Wo sich Ost- und West treffen: Das Cafe Schwalbennest am Franziskanerplatz
Wo sich Ost- und West treffen: Das Cafe Schwalbennest am FranziskanerplatzTom Biela

„Ständig grüßt einen jemand von der Seite“

Der nächste Cappuccino führt uns in das Lenz im Lend am Lendplatz, eine weitere Stammkneipe der beiden Künstler. Auch das ein Ort mit Zyklen: frühmorgens das Markttreiben, mittags die Ruhe, abends „Halli-Galli“. Biela und Guevara Kunerth kommen untertags her, um die Ruhe zum Lesen zu genießen. „Mit Kaffee und Büchern machen wir hier Mikrourlaub.“ Hat man doch Lust auf Menschen, muss man nicht weit schauen. Ständig grüßt jemand von der einen oder anderen Seite. „Graz hat eine spezielle Größe für eine Stadt. Definitiv nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Man muss sich also nie wirklich mit den Leuten verabreden, weil man unterbewusst ohnehin schon weiß, dass man jederzeit jemanden treffen wird.“ Das ist der typische „Graz-Effekt“.

Ein weiteres „ausgelagertes Wohnzimmer“: Lenz am Lend
Ein weiteres „ausgelagertes Wohnzimmer“: Lenz am LendTom Biela

Zum Ort, zum Kollektiv

Der Lendplatz wie der Kaiser-Josef-Platz sind historische Begegnungsorte in Graz. Ersterer war eine Siedlungszone von Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden. Der größte und älteste Markt ist auf dem Kaiser-Josef-Platz, früher ein Holzlagerplatz, 2019 saniert.

Tom Biela und Martín ­Guevara Kunerth bilden das Kollektiv GUKUBI MATO und beschäftigen sich künstlerisch mit Wahrnehmung, Zerfall und der eigenen Veränderung, inspiriert durch Beobachtungen des (digitalen) Alltags. Sie arbeiten derzeit im Freien Atelierhaus Schaumbad in Graz. Ihre Arbeiten sind außerdem im < rotor > im Zuge der Ausstellung „Wilde Winkel“ zu sehen.

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