Gastkommentar

Einsamkeit: Fremd zu mir selbst

Wer sich von allen verlassen fühlt, verliert das Vertrauen in die Welt rundum, in die Gesellschaft, in die Demokratie.

Jetzt in der Teuerung ist es für manche schwieriger geworden, gemeinsam in einem Lokal zu essen oder zu trinken. „Ich setz mich mit meinen Freunden nicht mehr ins Lokal und ess was. Also früher hat‘s schon mal geheißen: Leute, ich zahl jetzt. Das gibt es nicht mehr“, erzählt ein Mann in einer aktuellen Erhebung der Armutskonferenz. „Freunde nicht zum Essen einladen können“, ist ein bewährter Indikator der Armutsmessung. Wenn es um Einladungen nach Hause geht, wird hier nicht nur Auskunft über zu wenig Geld gegeben, sondern auch die soziale Scham sichtbar, im Unglück sein Privatestes herzuzeigen. Um den Versuch, die Bedrohung des eigenen Ansehens abzuwehren. Um Selbstachtung. Deshalb ist die Erfahrung gemeinsamen Essens auf Augenhöhe eine so gute Sache.

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Rund zehn Prozent der Bevölkerung in Österreich haben niemanden, auf den sie zählen können. Jeder Zehnte fühlt sich einsam. Hier geht es nicht um die selbstgewählte Einsamkeit in der Askese, im Wellness-Fasten oder einer Wanderung. Den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein macht die Freiheit. Im Englischen weiß man die unfreiwillige „Loneliness“, unter der man leidet, zu trennen von „Solitude“, nach der man sich bisweilen sehnt. Einsamkeit verschlimmert sich mit Armut, ist bedrohlicher mit sozialen Krisen und belastender mit schlechter sozialer Infrastruktur. Vereinsamte werden anfälliger für Krankheiten, schlittern öfter in eine Depression, verlieren Mut. Je einsamer sich die Befragten fühlen, desto schlechter schlafen sie. Der Schlaf ist ein guter Indikator für Stress und Belastung, ein Brückenkopf zwischen innen und außen. Soziale Isolation geht unter die Haut, verändert unsere Beziehung zur Welt.

Einsamkeit bedeutet, sich von der Welt getrennt fühlen. Spricht man mit Betroffenen, dann äußern sie in der Tiefe: Wir sind hier verlassen worden. Ich bin verlassen. Vergessen und abgelegt. Einsam und isoliert. Die Welt gibt es da draußen, aber ich bin nicht mehr mittendrin. Die Welt mag tönend, farbig, warm und frisch sein. Meine Welt ist es nicht (mehr). Die Welt ist fremd geworden zu einem selbst. Wer sich von allen guten Geistern verlassen fühlt, verliert auch das Vertrauen in die Welt rundum, in seine Umgebung, in die Gesellschaft, in die Demokratie. Je einsamer, desto geringer die Wahlbeteiligung und das Vertrauen in demokratische Institutionen.

In der Welt gesehen werden

Vertrauen heißt, sich der Welt zugewandt fühlen. Einander zu erleben als welche, die Einfluss haben, deren Handeln Sinn macht, wird als „Selbstwirksamkeit“ bezeichnet. Die Welt bekommt einen Sinn. Mit Ohnmacht vergeht dieser „Weltsinn“. Diesen beschrieb der Soziologe Aaron Antonovsky als ein durchdringendes, andauerndes, aber dynamisches Gefühl des Vertrauens, dass die eigene interne und externe Welt vorhersagbar ist. Keine Handlungsspielräume haben, weniger Anerkennung bekommen und von Dingen ausgeschlossen zu sein, über die andere sehr wohl verfügen, ist Ausdruck einer sozialen Krise, in der auf Dauer unsere Selbstwirksamkeit und unser Weltsinn leiden. Achtung und Wertschätzung bedeuten, in der Welt gesehen zu werden. „Bei Freunden, die wohlhabend sind, da rede ich nicht über meine Probleme, weil ich möchte mich nicht klein fühlen, sagen wir so.“ Zu viele Situationen der Einsamkeit, der Ohnmacht und der Beschämung machen die Welt fremd zu einem selbst. „Da ist eine große Sorge, eine große Angst in mir drinnen. Manchmal lasse ich das raus, ich spreche darüber mit meinem Mann und mit Ihnen jetzt. (…) Ich finde auch, es ist peinlich. (…) Meistens behalte ich das bei mir“.

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie, Psychologe, Mitbegründer der Armutskonferenz.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

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