Am Herd

Schau, wie schön ich bin!

Ich habe die Kamelie mit der U-Bahn nach Hause genommen und sie zwischen die Fenster gestellt, wo eine Knospe nach der anderen braun geworden ist.

Letztes Jahr zu meinem Geburtstag schickte mein Mann mir eine Kamelie. Eine Kamelie mit noch fest verschlossenen Knospen, aber man konnte ahnen, sie würde dunkelrosa blühen. Sie kam direkt aus Eisenerz, wo er sich gerade aufhielt, und wurde mir in die Redaktion geliefert. „Für deinen Schreibtisch“, sagte mein Mann, als ich ihn anrief, um mich zu bedanken, und er freute sich, weil er an alles gedacht hatte: Er hatte sich nämlich eine Woche vorher beiläufig bei mir erkundigt, ob ich an meinem Arbeitsplatz genug Licht hätte! Denn Kamelien, das hatte die Verkäuferin ihm gesagt, mögen es hell.

Was die Verkäuferin meinem Mann nicht gesagt hat: Dass Kamelien verflixt empfindliche Geschöpfe sind, die schnell empört sind und ihre Knospen abwerfen. Etwa wenn man sie durch das halbe Land karrt. Und was sie garantiert nicht aushalten, das sind Büros. Sie brauchen es im Winter nämlich kalt.

„Aber ich habe sie doch extra gefragt!!“

Menschen fragen, obwohl es Google gibt

Weil ich meinen Mann kenne, weiß ich genau, was passiert ist. Er ist ins Geschäft gekommen, hat die Kamelie gesehen, hat die Verkäuferin gefragt, wie man sie am besten pflegt, er war freundlich, er war lustig und sie hat ihm einfach irgendwas gesagt, weil sie nicht zugeben wollte, dass sie sich nicht auskennt. Das passiert ihm dauernd. Er ist einmal mit Wildlachs statt Seelachs nach Hause gekommen, weil ihm irgendjemand erklärt hat, das sei ein und dasselbe, nur das Futter sei anders. Dabei ist der Seelachs ein Dorsch. Aber weil mein Mann gern mit Menschen redet und ihnen genauso gern glauben möchte, hört er nicht auf, sie zu fragen, obwohl es längst Google gibt.

Jedenfalls habe ich die Kamelie mit der U-Bahn nach Hause genommen – jetzt war es eh schon egal – und sie zwischen die Fenster gestellt, wo eine Knospe nach der anderen braun geworden ist. Ich habe sie eine nach der anderen abgezupft, keine hat überlebt.

Das ist nicht ganz ein Jahr her. Und wer sagt es? Sie blüht! Dunkelrosa und üppig. Und ich freue mich so sehr, weil ich eigentlich gar keinen grünen Daumen habe: Ich habe meinen Jasmin zu viel gegossen, einen Korallenbaum überdüngt, zwei Rosen wurden mir von Blattläusen gefressen und der Kaffee ist mir zwischen den Fenstern erfroren, weil ich ihn nicht rasch genug hineingestellt habe. Aber die Kamelie hat es geschafft. Und jetzt leuchtet sie aus dem Fenster und sagt: „Ha, Winter, du kannst mir gar nichts. Ich bin schön! Schöner als ein Weihnachtsbaum! Schöner als die Dipladenia!“

Und ich hole meinen Mann und sage: Schau!

bettina.eibel-steiner@diepresse.com
www.diepresse.com/amherd

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