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Wäre er doch nur Kicker geworden …

Fußball ist in der Türkei Chefsache. Kein Wunder bei einem Präsidenten, den sie einst im Übertreibungsfuror den „türkischen Beckenbauer“ nannten. Ein Torjubel geriet nun zur Staatsaffäre.

Recep Tayyip Erdoğan, so heißt es unter Fußballkennern am Bosporus, stand einst vor einer vielversprechenden Karriere. Auf den Bolzplätzen galt er als „türkischer Beckenbauer“, was womöglich nur ein Hirngespinst war, inspiriert von den Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Technik, Übersicht und Einsatz, so die Fama, sollen den jungen Recep zu einer Karriere bei Galatasaray, Fenerbahçe oder Beşiktaş – den großen drei in Istanbul – befähigt haben. Bis sein gestrenger Vater derlei Flausen ein Ende machte.

Erdoğan sollte einen anderen Weg einschlagen, Fußball aber blieb Chefsache – mit politischen Implikationen. So fiel Mesut Özil in Deutschland in Ungnade, als er dem „Sultan von Ankara“ Huldigungen darbrachte. Als Sagiv Jehezkel, israelischer Profi in Diensten des türkischen Klubs Antalyaspor, am 100. Tag des Gaza-Kriegs den Torjubel zu einer Geste der Unterstützung für die Geiseln in der Gewalt der Hamas nutzte, sah der Präsident rot.

Die rote Karte allein reichte nicht. Gefeuert, festgenommen, des Landes verwiesen: Das Ganze geriet zur Staatsaffäre, Israels Außen- und Verteidigungsminister schalteten sich ein – und es fehlte nicht viel zur Kriegserklärung. Wenn der Vater nur nachsichtiger gewesen und Erdoğan Kicker geworden wäre, dem Land und der Welt wäre vermutlich viel erspart geblieben.

E-Mails an: thomas.vieregge@diepresse.com

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