Leitartikel

Skifahren und Umweltschutz sollten kein Widerspruch sein

Bisher wurde das Thema Skifahren in der öffentlichen Diskussion von der Seilbahnwirtschaft dominiert. Das ändert sich gerade. Und das ist gut.

Die Älteren sagen heute noch „Energieferien“. Diese wurden übrigens vor genau 50 Jahren ins Leben gerufen. Im Februar 1974 beschloss die damalige Regierung Kreisky, die Schülerinnen und Schüler eine Woche nachhause zu schicken. Die Welt stand im Banne der Ölkrise. Und eigentlich ging es darum, dass man an den Schulen die Heizkosten senken wollte. Die Aktion ging bekanntlich völlig daneben. Die Einsparungen waren marginal. Vielmehr gab man völlig unbeabsichtigt den Startschuss für ein gigantisches Tourismusförderungsprogramm. Die Semesterferien sind heute die wichtigsten Wochen des Wintertourismus. Sie entscheiden über Gedeih und Verderb der Wintersaison.

Von Energiesparen kann keine Rede sein. Verkehrsstaus gehören seit jeher zum Wintersport wie Après-Ski, Jägertee und Kunstschnee. Dieses „seit jeher“ ist auch das größte Problem des Wintertourismus. Als längst auch die größten Zweifler eingesehen haben, dass der Mensch nicht ganz unbeteiligt am Klimawandel ist, ist die Wintertourismus-Clique uneinsichtig stur geblieben. Ohne Tourismus kein Wohlstand in den Bergen, lautete die Devise. Es wurde mit Umsatzzahlen, Nächtigungen und Pistenkilometern argumentiert. Kritiker wurden ignoriert, belächelt und angefeindet. Das war bis vor Kurzem so. Aber das ändert sich gerade.

Woran man das merkt? Etwa am mächtigen Österreichischen Skiverband (ÖSV). Von den meisten wird dieser nur mit dem Spitzensport assoziiert. Doch wenn ÖSV-Generalsekretär Christian Scherer heute mit Journalisten redet, geht es nicht mehr nur um Gold, Silber und Bronze. Dann spricht er von „Nachhaltigkeit“, vom „öffentlichen Verkehr“, von Sicherheit. Tatsächlich ist es der ÖSV, der nach den vielen schweren Verletzungen bei den jüngsten Weltcuprennen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bremse steigt. Es findet niemand mehr cool, wenn es einen Abfahrtsläufer mit 140 km/h zerreißt. Weder die Zuschauer noch die Sponsoren. Weiße Schneebänder auf grünen Wiesen kommen bei den Werbekunden nicht gut an. Längst sind die Nachhaltigkeitsberichte der Konzerne keine grünen Gedichte aus der Marketingabteilung mehr, sondern kommen aus dem Controlling und basieren auf Zahlen, Daten und Fakten. Nicht die Klimakleber, die beim Nachtslalom in Schladming auch schon zur Folklore gehören, sorgen für einen sanften Druck, sondern die Großkonzerne, die ihre Millionen an Sponsorengeld vor ihren Aktionären und Geldgebern rechtfertigen müssen.

Mittlerweile ist man im ÖSV offensichtlich mehr daran interessiert, dass die Zuschauer zu den Großevents mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen als im Klimaministerium. Man suche „verzweifelt“ eine Ansprechperson im Ministerium, die hier unterstützt und hilft. Es gehe explizit nicht um Förderungen. Aber derzeit müsse mit jedem Verkehrsverbund einzeln verhandelt werden, um Ticket und Fahrschein zu verknüpfen, klagt Scherer. In den Arbeitskreisen des ÖSV sind Organisationen wie Greenpeace und Fridays for Future erwünscht. Keine Gesprächsbasis gibt es hingegen mit der Letzten Generation, die nach Auffassung des ÖSV-Generals außerhalb der Legalität agiere.

Noch dramatischer ist der Paradigmenwechsel in Hotellerie und Gastronomie. Der Schwund an Fachkräften im Zuge der Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, dass es beim Umgang mit den Mitarbeitern von der Wertschätzung bis hin zur Bezahlung in vielen Betrieben noch sehr viel Luft nach oben gibt. Jahrelang hatte die Branche an die Politik nur ein großes Anliegen: Mehr Saisonarbeiter. Die Forderung führt sich längst ad absurdum. Es geht nicht mehr darum, dass wir zu wenig Saisonniers ins Land lassen, sondern darum, dass kaum noch welche ins Land kommen wollen. Hoteliers wünschen sich mittlerweile vom Staat, dass sie ihren Mitarbeitern eine anständige Dienstwohnung zur Verfügung stellen dürfen, ohne dass diese gleich als Sachbezug versteuert werden muss.

Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet der Skisport und der Wintertourismus zeigen womöglich, dass man in der Not auch aufeinander zugehen kann – statt weiterhin zu polarisieren. Fast zu schön, um wahr zu sein.

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com

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