Literatur

Erste Werkausgabe Marlen Haushofers: Was ist hinter der Tapetentür?

Schon früh in ihrem Werk taucht eine unsichtbare Wand als Metapher auf: Marlen Haushofer (1920-1970).
Schon früh in ihrem Werk taucht eine unsichtbare Wand als Metapher auf: Marlen Haushofer (1920-1970).Foto: Manfred Haushofer
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Marlen Haushofer verpflichtete ihre Leser sanft, aber bestimmt zur Stellungnahme – ihre seis­mografische Sprachge­nauigkeit findet sich auch in den Kinderbüchern. Nun liegt ein Sammelband ihrer Werke vor.

Platz eins in der Bestenliste im Februar 2024: Marlen Haushofers gesammelte Werke, vom Claassen Verlag neu ediert. Die österreichische Autorin hat schon zu Lebzeiten manch wohlwollende Rezension und etliche Literaturpreise erhalten – kommerzielle Erfolge waren ihr nicht beschieden, auch wenn wache Rezensenten Haushofers Prosa schon in den Fünfzigerjahren gewürdigt haben. „Wir töten Stella“ galt einem Hans Weigel schlicht als „perfekt“. Doch das blieben literaturkritische Einzelfälle. Während die beinah gleichaltrige Ingeborg Bachmann zur Ikone wurde, betrogen die Zeitgenossen die Haushofer durch Ignoranz um ihre Pionierleistungen. Das Gros der Kritiker rubrizierte ihre Themen im besten Fall unter „typisch weiblich“ – meist wählten sie für ihre Abwertungen weitaus weniger freundliche Umschreibungen.

Banalität des Alltags

„Hausfrauenliteratur“ waren ihre Bücher bestenfalls insofern, als Marlen Haushofer bis zu ihrem frühen Tod mit knapp 50 Jahren im Jahr 1970 tatsächlich als Hausfrau in Steyr lebte, ihre Werke am Küchentisch schreiben musste und bekannte, die Hauptfiguren ihrer Bücher seien „immer Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten, die ich recht gut kenne“. Es waren Frauen, gefangen im Kokon der gesellschaftlichen Verfassung der Jahre nach 1945 – mit all dem Ballast von „tausend Jahren“, der mitgeschleppt, aber nach Möglichkeit verdrängt wurde. In der Banalität des Alltags ahnen die Männer so wenig wie plappernde Freundinnen, welche Tapetentüren sich nächtens öffnen können. Und schon gar nicht, dass nicht mehr zurückkehrt, wer sich dorthinein verliert. 

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