Hubmann: "Der Österreicher ist unoptisch"

Er will den Tod fotografieren und hasst amerikanische Kaffeehaus-Ketten: Franz Hubmann, ein widerwilliger Jubilar.

Franz Hubmann, Doyen der österreichischen Fotografie, ist 90 Jahre alt

Er hat sie nicht mehr gezählt, die In terviews anlässlich seines 90. Ge burtstags an diesem Samstag, dem 2. Oktober. Ein Medien-Marathon, der Franz Hubmann zwar enerviert, ihm seine Fröhlichkeit aber trotzdem nicht austreiben kann. "Hoffentlich hat das bald ein Ende", seufzt er und ergibt sich seinem Jubilars-Schicksal, das in der Fotogalerie "Westlicht" mit einer feinen Geburtstags-Ausstellung versüßt wird. Wer hat's schon leicht, als lebende Legende, die schon Anfang der 60er literarische Weihen von Hans Weigel empfing? - "Franz Hubmann, ein österreichisch verfasstes Wesen, erblickte 1914 in Ebreichsdorf bei Wien die Belichtung der Welt und ist seither mit unvorstellbarer Intensität und Leidenschaft Photograph. Er hat noch nie nicht photographiert."

Auch Freitagmittag im "Westlicht" glaubt man ihm nicht ganz, dass er seine Leica einmal nicht dabei hat. Weigel: "Er photographiert reflexartig, immerwährend, instinktiv, wie andere Menschen atmen, und dies meist ohne sichtbares Vorhandensein eines Apparates, als hätte er in seinen Kleidungsstücken oder in seiner Haut Linsen eingebaut." Respektlos ist Österreichs Foto-Doyen seinen Motiven nie begegnet, er war immer diskret, nie Voyeur, sondern Essayist. Ob er vom Leben auf der Straße erzählt oder von den Wiener Künstlerrunden der sechziger Jahre im Hawelka und im Gutruf - Hubmann hat das kollektive Gedächtnis von Generationen mit Bildern gefüttert. Seine Sicht ist auch die unsere geworden.

Das Hawelka besucht der 90-Jährige immer noch gerne, öfter aber geht er zum Demel, auf eine Mehlspeise. Sein Blick findet auch heute noch überall das typisch Wienerische, was auch immer das ist - "Nehmen Sie etwa die mittelalterlichen Damen, die in den Kaffeehäusern sitzen." In die US-Coffeeshop-Ketten dagegen bringen ihn keine zehn Pferde. "Die werde ich nicht auch noch unterstützen mit ihrem scheußlichen Kaffee! Alles muss heute anders sein. Das ist schon eine Grundtendenz. Anders! Von besser red't ka Mensch. Das gilt für alle Sparten, auch für die Kunst."

Picasso, Giacometti, Warhol, Weiler, Boeckl hat Hubmann porträtiert. Er entdeckt an der Wand eines seiner Gruppenporträts, die "Urzelle" des Fantastischen Realismus. Es ist wie der Großteil der 145 Exponate der Geburtstags-Ausstellung aus Salzburg angereist, aus der Österreichischen Fotogalerie, die dem Museum der Moderne (Rupertinum) angeschlossen ist. Ein eigenes Fotomuseum hat sich in Österreich bisher nicht entwickeln können. Ein Missstand, der den Fotografen naturgemäß ärgert. "Damit ist auch schon beantwortet, welchen Stellenwert die Fotografie in Österreich hat", kommt Hubmann in Fahrt. "Es ist noch immer nicht erkannt worden, wie wichtig Fotografie ist, dass wir alle von der Fotografie leben! Die Fotografie ist in Österreich noch immer nix." Nur, warum sind gerade die Österreicher derartige Banausen? "Weil der Österreicher ein unoptischer Mensch ist! Sonst wäre auch Schiele schon viel früher erkannt worden." Hatten es die Literaten da einfacher? "Ja, vielleicht."

Mit Heimito von Doderer war Hubmann eng befreundet. Einen "literarischen Fotografen" nannte ihn der Schriftsteller. "Chronist des Wesentlichen" titelt die Ausstellung, als "poetischen Analytiker des Daseins ohne Allüren", beschreibt ihn Margit Zuckriegl, die Leiterin der Österreichischen Fotogalerie. Der Bildjournalismus aber, mit dem Hubmann berühmt geworden ist, den er in der 1954 von ihm mitbegründeten "Zeitschrift für das moderne Leben" magnum pflegen konnte, für den gibt es heute kein Forum mehr. "Der Bildjournalismus ist gestorben. Das fing an, als das US-Fotomagazin Life eingestellt wurde. Das war der Beginn des Abstiegs."

Seit dem Aus von magnum 1966 hat Hubmann rund 80 Bildbände herausgegeben - über Kulturlandschaften, Gärten, Kunst, Brauchtum, Geschichte. Immer auch schon in Farbe, obwohl er für Porträts das intimere Schwarzweiß bevorzugt: "Das Farbfoto sackt allzu leicht ins Buntfoto ab." Als Nächstes soll ein Band über Museumsbesucher herauskommen - gibt es eigentlich irgendetwas, was ihn nicht interessiert hat? Akt-Fotografie vielleicht? "Nein, die habe ich gerne gemacht." Hubmann muss lachen. Dann erklärt er: "Kriegsfotografie, das wollte ich nie. Weil ich den Krieg kenne und keine Lust habe, wegen eines Fotos zwischen den blauen Bohnen herumzuhüpfen. Natürlich ist Kriegsfotografie notwendig. Aber ich muss es ja nicht machen!"

Von 1938 bis zur Gefangenschaft 1945 war Hubmann an der Front. Was er erlebt habe? "Krieg, Krieg, Krieg, schießen. Als Infanterist bin ich durch ganz Europa gehatscht, bis zum Ural und bis nach Bordeaux hinunter. Es war immer nur die Hoffnung da, dass es von einem Tag auf den anderen einfach aus ist. Etwas anderes bleibt einem nicht." Und er hat gar nicht fotografiert? "Doch. Aber nur für mich." Und wo sind diese Fotos? "Die haben die Russen aus dem Fenster der Wohnung rausgeschmissen."

Es war Andr© Heller, dem Hubmann einmal seinen letzten Plan verraten hat. Auch jetzt erzählt er verschmitzt davon: Er will den Tod fotografieren. "So, wie er eben kommt, in der Vorstellung des normalen Sterblichen; als Gerippe, das sagt, ,komm Brüderl'. Dann mach ich noch ein Foto, entwickeln muss es halt jemand anderer."

Von 3. 10. bis 7. 11., "Franz Hubmann - Der Chronist des Wesentlichen", Wien 7, Westbahnstraße 40, Di.-Fr. 14-19 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Sa. und So. 11-19 Uhr.

Im November erscheint im Christian Brandstätter Verlag die Monografie "Franz Hubmann - Photograph" mit 300 Fotos.

INTERNET 

www.westlicht.com

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