Eröffnung: Barocker Sinnestaumel

Das Liechtenstein Museum wird dieses Wochenende eröffnet: prächtig, bedächtig restauriert - und mit Wiens größtem Rubens-Zyklus.

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in kapitaler Barockrausch: das strah lende Palais, die üppigen Gemälde der Meister, das kostbare Interieur - und mittendrin ein echter Fürst, am Freitag war er sogar zum Angreifen. Selbst Hans Adam II. von Liechtenstein war überwältigt. Mehr als 400 Leute stürmten die Pressekonferenz zur Eröffnung seines Wiener Museums, mit Kameras, Fotoapparaten, Mikrofonen drängten sie sich an ihn, sogar mit einem urtümlichen Kassettenrekorder.

Nach vier Jahren Vorbereitung und Investitionen von 23 Millionen Euro aus des Fürsten Schatulle beginnt ab Montag der Publikumsbetrieb im Liechtenstein Museum. Verführung, Genuss, Lebenslust sind die zurzeit in Wien plakatierten Reizwörter, die erhoffte 300.000 Besucher pro Jahr zu Rubens, Rembrandt und Rottmayr in die Rossau locken sollen. Als "barocke Erlebniswelt" will Direktor Johann Kräftner sein Haus vermarkten. Tatsächlich: mit einer dichten Präsentation der 170 Gemälde und 30 Skulpturen, Möbel, Kunstobjekte glückte eine intensive Atmosphäre, die sich in der Großen Galerie im ersten Stock zur barocken Allround-Attacke steigert: Hier prangt wieder Wiens größter Rubens-Zyklus, acht monumentale Szenen aus dem Leben des römischen Feldherren Decius Mus. Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Zyklus schon hier zu sehen, war Höhepunkt der berühmten Galerie der Liechtensteins, die einem ausgesuchten Publikum damals offen stand. Zu Kriegsende konnten die seit 150 Jahren im Gartenpalais untergebrachten Kunstschätze nach Vaduz evakuiert werden, wo sie noch heute verwaltet und gelagert werden. Von dort wird das Wiener Museum bestückt.

Ein Rundgang beginnt in der meditativen klassizistischen Bibliothek im Erdgeschoß. Dann führt der Weg vorbei am "Goldenen Wagen" in der Aula weiter in die ehemaligen Damen-Appartements, drei Räume, die für Wechselausstellungen genutzt werden: Begonnen wird mit einer feinen Auswahl aus "Klassizismus und Biedermeier". Hier finden sich auch Leihgaben von vier anderen, partnerschaftlich verbundenen österreichischen Adelssammlungen. Am Weg in die Beletage ein kleiner Wermutstropfen, der aber auch von dem sensiblen Umgang mit der Substanz zeugt: Die beiden 2002 spektakulär wieder entdeckten monumentalen Rottmayr-Fresken über den Stiegenaufgängen sind noch mit Planen verhangen. Die Restaurierung wird erst in einem Jahr abgeschlossen sein. Angelangt im zentralen, für Konzerte bestimmten Herkules-Saal mit Pozzos fulminantem Deckenfresko beginnt der Rundgang durch die umliegenden Galerieräume. Mehr als die Hälfte der insgesamt 30 in der Sammlung befindlichen Rubens-Werke werden hier gezeigt. Die chronologische Hängung beginnt bei früher italienischer Malerei, schweift über die Renaissance, verharrt beim Barock und schließt mit holländischer Stillleben- und Genremalerei.

Geschmackssache ist die Vermittlung: Keine Schildchen geben Auskunft - stören aber auch nicht den Blick. Für Informationen müssen Nummern in einem Büchlein nachgeschlagen werden. Nur, wer vermag im barocken Sinnestaumel schon zu lesen?

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