Fritz Muliar: Immer heftig unterwegs

Fritz Muliar, Komödiant und Moralist, wird am Sonntag 85.

Es gibt einen Moment, wo die Schauspiel-Lieblinge aus der Kritik fallen. Fortan werden sie nur mehr verehrt. Und das tut ihnen meist nicht gut. Bei Fritz Muliar ist das ein bisschen anders. Er wird geliebt, aber nicht von allen. Dazu ist er zu unbotmäßig. Das hält ihn frisch. Das Gleiche gilt für unseren Blick auf ihn.

In Fritz Muliar, dem Schauspieler, steckt ein großer Räsoneur. Oft hat der Schauspieler den Räsoneur in Dienst genommen. Muliar zu widersprechen ist nicht leicht, weil er oft Recht hat, und wenn nicht, entfaltet er eine Eloquenz, die sein Gegenüber dazu bringt, ihm Recht zu geben.

Muliar, er war auch Kolumnist, etwa in der alten "AZ", ist nicht auf vorgegebene Texte angewiesen. Er ist ein blendender und pointierter Formulierer - und ohne naiv zu sein, immer ein Anwalt der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, der Solidarität gewesen.

Fritz Muliar wurde 1919 in Wien geboren. Sein Stiefvater, der ihn stark prägte, war ein jüdischer Juwelier. Keiner erzählt so wunderbar jüdische und böhmische Geschichten wie Muliar. Er spielte im Kabarett "Der liebe Augustin", im "Simpl" und er war Opern-Buffo. Daher darf man bei Muliar stets auf richtig sitzende Nestroy-Couplets zählen.

Im II. Weltkrieg war Muliar in Kriegsgefangenschaft. Eine seiner ganz großen Rollen wurde später der Schwejk, jener Soldat, der sich pfiffig, geistesgegenwärtig, schlagfertig in jeder Situation behauptet.

Von 1964 bis 1977 dauerte sein erstes Engagement im Theater in der Josefstadt. Von 1974 bis 1990 war er Ensemble-Mitglied des Burgtheaters und hatte dort viele Vorurteile ("Der Muliar gehört nicht ins Burgtheater", hieß es) zu überwinden, was ihm auch gelang, wobei vermutlich in Vergessenheit geraten ist, dass Burg und Josefstadt sich um Muliar stritten, so beliebt war er schon damals. Das Etikett Volksschauspieler, das Muliar oft angeheftet wird, enthält ja immer auch eine Reserve, die er immer wieder zu spüren bekam: populär, aber nicht brillant. Nun ist Muliar bestimmt kein Verwandlungskünstler, ein begnadeter Charakter-Darsteller ist er aber allemal. Und vom heutigen (Burg-)Theater wünscht man sich manchmal, es hätte mehr markante, unverwechselbare Typen wie Muliar, weil diese einem Regisseur niemals so ausgeliefert sind, weil sie eine eigene Persönlichkeit haben und sich nicht fürchten.

Der Theaterschauspieler Muliar verfügt über eine erhebliche Bandbreite: So war er u. a. ein gefährlich leiser Bettlerkönig Peachum in Brechts "Dreigroschenoper" oder der rebellierende Altenheim-Insasse, wütend und verzweifelt, in Felix Mitterers "Sibirien". Im Schwejk, im Nestroy (Knieriem), in "Sibirien", da leibt und lebt der ganze Muliar.

Aber vielleicht hätte man ihm mehr und breiter etwas zutrauen sollen, wenn man an seinen Sancho Pansa im "Mann von La Mancha" (mit Josef Meinrad als Don Quichotte) denkt oder an seinen eiskalt kalkulierenden und doch heiß (seine untreue Adele) liebenden Bankier Natter in Schnitzlers "Das weite Land" oder an seinen Totengräber im "Hamlet".

Muliar, der Polemiker, der Choleriker, der Schelm, so war und ist er vertraut. Zum Unbekannten, Außerformatigen hätte man ihn mehr hinlocken, hinzerren (geht das mit Muliar überhaupt?) sollen und müssen - wie damals, als er 1951 vom Raimundtheater als Nestroy-Darsteller ins Volkstheater engagiert wurde.

Die wortgewaltigste öffentliche Fehde lieferte sich Muliar mit dem früheren Burgtheaterdirektor Peymann. Da war er manchmal etwas krass unterwegs, weswegen er auch ein Buch nachreichte mit dem Titel "War's wirklich so schlimm?". Der Streit hat aber sicher dazu beigetragen, seinen Ruf als österreichische Institution zu festigen. Seine durchdringende politische Stimme erhebt er heute im ORF-Stiftungsrat.

Kammerspiele: Am 12. 12. spielt Muliar den Papst in der "Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde". Ö1 u. a.: "Klassik-Treffpunkt" am 11., "Du holde Kunst" am 12., Hörspielstudio: Nestroy mit Muliar am 14., Geburtstags-Gala im Konzerthaus am 14. 12.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.