Im Theater der Wahrheiten

Die Wahrheit überließen die Philosophen in Lech mehrheitlich freudig den Theologen, Naturwissenschaftlern - und Journalisten.

Diesseits des Lustprinzips: "Der Wille zum Schein" beim Philosophicum LechN
un sei das Philosophicum schließ lich in ein "Hedonisticum" ge mündet, konstatierte Konrad Paul Liessmann nicht unfroh, Sonntag mittag, als schon die lieblich-strengen Käsknöpfle-Düfte vom abschließenden "Vorarlberg-Brunch" in den Saal drangen. Als Lust und Kunst hatte er, Liessmann, schon zur Eröffnung die Lüge präsentiert, und viele waren ihm gefolgt: Josef Mitterer - übrigens doch kein Konstruktivist! - mit seiner Apologie der Beliebigkeit sowieso, dann auch Jochen Hörisch, Germanist in Mannheim, wahrscheinlich originellster Goethe-Exeget der Jetztzeit und bekennender Konstruktivist: "Wir sind alle zum Konstruktivismus verdammt!", sagte er.

Die Dichter sind das automatisch, auch wenn sie nicht wie Goethe mütterlicherseits von Textoren stammen. Gesegnet mit einem "provokant entspannten Verhältnis zur Wahrheit", weben sie an alternativen Realitätsvarianten und reden enthemmt über alles mit, "ohne jede Sachkompetenz", so Hörisch: "Wenn die Dichter an der Macht wären, würde ich sofort den Koffer packen!" Da verlasse er sich lieber auf die "postmoderne Beliebigkeit", die Rede von dieser sei nämlich gar nicht beliebig, weil sie keine Theorie der Wahrheit vorschreibe, sondern viele Theorien toleriere - von der Märtyrer-Theorie ("Wahr ist, wofür ich sterbe") über die Therapeuten-Theorie ("Wahr ist, was heilt") bis zur Anagramm-Theorie ("Wahr ist, was in einem Anagramm versteckt ist", z. B.: Quid est veritas? Est vir qui adest!).

So besehen, sind Dichter auch vom Verstecken von Wahrheiten besessen: Goethe etwa, in dessen "Wahlverwandtschaften" sich die Protagonisten (Otto [*] 2, Charlotte, Ottilie) die Buchstaben "ott" teilen, die sich als "tot" neu zu reihen drohen, während der Geistliche namens Mittler einen L-otto-Gewinn gemacht hat . . .

So deutet Hörisch seinen Goethe wie Freud seine Träume. Robert Pfaller indessen, Philosoph an der Linzer Kunstuniversität, hat eine umfassende Theorie für die Lust am Dichten und Täuschen: Eine Gesellschaft sei umso kultivierter, je mehr sie an durchschauten Täuschungen zärtlich festhält. Darauf gründe etwa das Theater: Akteure und Zuseher halten die Illusion aufrecht, als ob es einen unsichtbaren naiven Dritten gäbe, der sie nicht durchschaut, einen Deppen, der im Theater aufspringt, um Julius Cäsar vor Brutus zu warnen.

Pfaller nennt das mit dem französischen Psychoanalytiker Maud Mannoni "croyance" (Glaube/Aberglaube), im Gegensatz zu "foi" (Bekenntnis). Er unterscheidet Kulturen der "croyance" wie die antike Religion - bei der sich immer fragt: Konnte jemand ernsthaft an solche Götter glauben? - und Bekenntniskulturen wie das Christentum. Dabei glauben gerade Bekenntniskulturen gern, dass früher "mehr geglaubt" wurde. Pfaller hält da primitive Kulturen für viel gerissener: "Man muss nicht Magie glauben, um sie zu machen! Auch wir sehen Fussball lieber live und gönnen uns die Lust der Illusion, wir könnten den Spielverlauf beeinflussen." Und, überspitzt: Erst mit der Aufklärung habe die wirkliche Herrschaft des "foi" begonnen.

Alles beliebig, alles gut also, jedem seine Wahrheit resp. Lüge und die Lust dazu? Nun, was die Dichter (und die Geisteswissenschaftler) dürfen, das ziemt den Naturwissenschaftlern nicht! Entsprechend scharf ging Ulrike Felt, Wissenschaftstheoretikerin in Wien, selbst studierte Physikerin, mit der "Scientific Community" ins Gericht. Sie malte und sezierte den Fall des Physikers Jan Hendrik Schön, der so lange als "Wizard", als Wunderknabe galt, bis 2002 seine Fälschungen aufflogen. Schuld, so Felt, sei auch das System der Forschungsförderung, das Wissenschaftler dazu bringe, ihre Ergebnisse möglichst schnell und in möglichst kleinen Portionen zu veröffentlichen, um die Zahl ihrer Publikationen zu maximieren.

Das passte gut zu einer plausiblen These des - vielleicht allzu kabarettistisch angelegten - Vortrags des Wiener Pädagogen Alfred Schirlbauer. Die "Wissensexplosion" sei genauso eine Lüge wie die angeblich steigende Irrelevanz des Wissens ("Halbwertszeit"), diese Lügen wurzeln, so Schirlbauer, in der "ökonomistischen Verachtung" des Wissens, darin, dass sogar laut EU-Dokumenten das Lernen nur mehr der "employability" dienen solle. Also, die Synthese aus Felt und Schirlbauer: Nicht das Wissen wächst, nur die Zahl der Portionen, in denen es abgegeben wird. Und der Druck der Ökonomie schadet der Zuverlässigkeit.

Man möge doch in der Naturwissenschaft den Betrug freigeben wie im Sport das Doping, warf Liessmann provokant ein, doch so wohl war den meisten nicht bei dieser Idee: Denn auf die - wenn auch noch so relativen - Wahrheiten der Naturwissenschaftler will man sich ja doch verlassen, sei's im Spital oder im Flugzeug.

Auch zu einer Offenbarungsreligion passt der erkenntnistheoretische Relativismus schlecht. Also war es an Walter Homolka, Rabbiner in Berlin, das "Wort zum Sonntag" zu ergreifen, wie er selbstironisch sagte. Im jüdischen Glauben, sagte er, sei die Lüge der "große Weltenzerstörer", die Wahrheit das "Siegel Gottes". Ihr freier Wille erlaube den Menschen, sich zu entscheiden, den - nicht an sich bösen - Trieb in ihnen zu kontrollieren. In der Praxis müsse man freilich auch die Wahrheit mit anderen Gütern abwägen, mit Unterstützung des Rabbiners. "Das Christentum glaubt immer, eine Gesetzesreligion ist so strikt und fad - die Aufgabe des Rabbiners ist es, das aufzulockern." Mit dem Liebesgebot, so Homolka pointiert, komme man etwa im Straßenverkehr nicht weiter: "Gott gibt uns das Gesetz, weil er uns liebt." Da stimmte auch Pfaller gern ein: Eine Religion, deren Gott nur ein liebender Gott sei, sei gefährlich. "Eine Gesetzesreligion kann viel freundlicher sein."

Noch von einem dritten Stand wurde in Lech ganz unrelativistisch Wahrheit eingefordert: von den Journalisten. Burkhard Müller-Ullrich, selbst einer, will diese als "Lügen-Filter" sehen und wird dabei enttäuscht. Das liege - wie er etwa an einem falschen Kein-Eis-mehr-am-Nordpol-Alarm illustrierte - auch am "Gesinnungsjournalismus", der für "das Gute in der Welt" kämpft. Gegen die "Pseudo-Engelhaftigkeit" hält Müller-Ullrich: "Eigentlich ist Journalismus ein Metier für Zyniker!" Sozusagen im mephistophelischen Sinn: Besser man will das Böse und schafft doch das Gute.

Mit Absicht oder nicht: Konrad Paul Liessmann ist wieder ein begeisterndes Philosophicum geglückt. Beim nächsten, neunten Mal (15.-18. 9. 2005) heißt es "Der Mensch als Wert", und er verspricht, dass man sich nicht auf die üblichen Bioethik-Gefechte beschränken, sondern tief in die ökonomische Debatte dringen wird.

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