Wie viel Kultur braucht der Mensch?, fragten wir die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek.
Die Presse: Wenn man ein so traditionsreiches Haus wie die ÖNB führt, befällt einen da nicht manchmal Kultur-Pessimismus?
Johanna Rachinger: Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch, Pessimismus befällt mich in diesem Zusammenhang keineswegs. Kultur ist ohne Tradition nicht denkbar, die Österreichische Nationalbibliothek ist ein Garant für Beständigkeit und keiner Mode oder Trends unterworfen.
Sie hüten Kultur, ein Teil davon ist die Kunst. Wie viel Kunst braucht der Mensch?
Rachinger: Wir sind heute überall in einen kulturellen Kontext eingebunden, einer enormen kulturellen Prägung unterworfen, von frühester Kindheit an. Die Kultur bestimmt uns wie eine zweite Haut. Das beginnt mit dem Erlernen der Sprache, unserem Verhalten zu einander, zu uns selbst. Die "Naturbestimmung" tritt immer mehr hinter eine kulturelle Prägung zurück, in der für den Einzelnen einerseits ein traditionsbezogener und auch regional bestimmter Rahmen vorgegeben ist, andererseits aber auch ein gewisser Spielraum besteht, eigenen Neigungen und Interessen zu folgen.
Die ÖNB bietet in diesem großen Spektrum an Kulturangeboten einen bestimmten Aspekt an - als große wissenschaftliche Bibliothek, aber auch mit ihrem Veranstaltungsprogramm. Das geht ja inzwischen über unsere großen Ausstellungen weit hinaus. Wir haben etwa seit vergangenem Jahr regelmäßige Literatursalons und Musiksalons eingerichtet. Zur Kultur soll niemand gezwungen werden. Wir bieten ein Angebot an, das hoffentlich für viele interessant ist. Da geht es nicht um Minimalprogramme, sondern um innovative Ideen innerhalb eines feststehenden Kulturauftrags.
Versteht sich der Hochkultur-Betrieb zu stark als Synonym für die Kunst?
Rachinger: Ich plädiere jedenfalls für einen möglichst weit gefassten und wertungsfreien Kulturbegriff. Die so genannte "Hochkultur" kann darin nur einen bestimmten Teil der kulturellen Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Als Synonym für Kunst würde ich Hochkultur keinesfalls sehen, weil Kunst ja doch eher die Sphäre des schöpferischen Schaffens selbst anspricht, während die Kultur die weitere Einbindung dieser Kunstprodukte in die Gesellschaft meint, ihre Vermittlung, Bewahrung, auch ihre Vermarktung oder Förderung. Das sollte man schon auseinander halten.
Was bestimmt Ihren persönlichen Kulturbegriff? Was sind Ihre Vorlieben?
Rachinger: Er ist sehr weit gefasst und reicht von klassischer Kunst bis hin zu Alltagskultur sowie einem kultivierten zwischenmenschlichen Umgang. Aus meiner Berufslaufbahn ergibt sich natürlich eine große Affinität zu Büchern, aber auch die bildende und darstellende Kunst des 20. Jahrhunderts interessieren mich sehr.
Manche unterscheiden noch streng zwischen E- und U-Kultur. Sie auch?
Rachinger: Die Übergänge sind heute fließend, und man sollte keine Barrieren errichten, sondern möglichst offen bleiben.
Welche Rolle spielen neue Medien?
Rachinger: Sie schaffen ungeheuer effiziente Wege der Kulturvermittlung. Sie bringen an sich noch keine neuen Inhalte, ermöglichen aber einen wesentlich einfacheren Zugang zu den Inhalten. Institutionen wie die ÖNB sind primär für die Inhalte verantwortlich, das heißt aber natürlich nicht, dass wir uns nicht um die neuen Medien kümmern müssen, sondern im Gegenteil, die effizientesten Wege suchen müssen, die alten Inhalte neu zu vermitteln. Denken Sie zum Beispiel daran, dass wir unsere sämtlichen Zettelkataloge auf Online-Datenbanken umstellen werden.
Natur- und Geisteswissenschaftler werfen einander oft Arroganz vor. Wie kann man diese zwei Kulturen versöhnen?
Rachinger: Ein Dialog ist seit geraumer Zeit im Gange. Physiker stoßen immer mehr an Grenzen bei der Interpretation ihrer Forschungsergebnisse und sind gezwungen, sich an philosophischen Modellen zu orientieren. Mediziner, Biologen müssen sich mit ethischen Fragestellungen auseinander setzen, in der Gentechnologie etwa. Umgekehrt greifen Geisteswissenschaftler bereits seit längerem auch auf Ergebnisse oder Methoden der Naturwissenschaften zurück. Das Ideal der exakten Wissenschaft hat auch auf die Geisteswissenschaften befruchtend gewirkt, denken Sie an die Philosophen des Wiener Kreises. Ich sehe eine Gefahr eher darin, dass eine Tendenz entsteht, den Wert einer Wissenschaft zu stark und direkt an ihrem verwertbaren Nutzen zu messen. Denn dann sind die Geisteswissenschaften hoffnungslos im Nachteil.
Die Frage "Wie viel Kultur braucht der Mensch?" wird am Montag, dem 26. Jänner, um 19.30 im Radiokulturhaus diskutiert. Gäste sind Konstantin Wecker, Wolf D. Prix und Rudolf Bretschneider, es moderiert Georg Springer. Die Talk-Reihe "kunst-werte" ist eine Kooperation von "Die Presse", Bundestheater-Holding und RadioKulturhaus.