"Der Idealismus ist das Gefährlichste": Robert Spaemann über Glauben und Spiritualität, Ethik und Judentum.
Robert Spaemann wendet sich gegen einen "fiktiven Begriff von Universal-Verantwortung"Die Presse: Der Theologe Karl Rahner hat sinngemäß gesagt, die Kirche des nächsten Jahrhunderts wird mystisch sein oder sie wird nicht sein. Was bleibt von diesem Satz?
Robert Spaemann: Der Christ der Zukunft, sagte Rahner, wird Mystiker sein müssen. Ich verstehe das so: Der Christ der Zukunft wird jemand sein müssen, der eigene spirituelle Erfahrungen macht, weil die bloße Tradition nicht mehr ausreicht. Es muss heute jemand schon mit Paulus sagen können: "Ich weiß, wem ich geglaubt habe." Das Wort Mystik ist dafür ein wenig hoch gegriffen, denn nicht jede Art von religiöser Erfahrung ist schon Mystik.
Die Kirchen verlieren Gläubige. Die Sekten haben Zulauf. Bieten sie mehr Spiritualität?
Spaemann: Ich bin eher skeptisch beim Begriff der spirituellen Erfahrung. Der Glaube ist im Verständnis des Christentums eher ein Ersatz für abwesende spirituelle Erfahrung. Die meisten von uns haben solche Erfahrung leider nicht. Glauben heißt, daran festhalten, dass da etwas ist, von dem man vielleicht eine Erfahrung haben könnte, wenn man das Glück hat, aber das hat nicht jeder. Man kann trotzdem ein Gläubiger sein, der "nicht sieht und doch glaubt".
Zugleich ist Rahners Satz eine Fundamental-Kritik der Moderne. Was ist denn schief gelaufen im dunklen 20. Jahrhundert?
Spaemann: Da braucht man schließlich nur auf die Zahl der gewaltsam Getöteten zu sehen. All die großen ideologischen Bewegungen haben Massen von Opfern gefordert. Sie sind alle in gewisser Hinsicht spezifisch modern. Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Faschismus und der Kommunismus sind Varianten der Moderne.
Auch die Französische Revolution?
Spaemann: Der "Idealismus" all dieser Bewegungen ist das Gefährlichste.
Was halten Sie vom Fortschritt?
Spaemann: Ich denke, wir sollten das Wort Fortschritt nur im Plural verwenden. Es gibt Fortschritte: In der Medizin, in der Genetik, im Bau von Atombomben - es gibt wünschenswerte und nicht wünschenswerte. Der Gedanke, dass die Menschheit im Ganzen sich in einem Fortschritt im Singular bewegt, in dem Sinne, dass es mit ihr im Ganzen immer besser und besser wird, scheint mir ein Aberglaube zu sein, der in Europa 300 Jahre geherrscht hat. Er ist heute an sein definitives Ende gekommen.
Wer traut sich denn heute noch eine universale Ethik zu? Sartre und Adorno hatten das vor, führten es aber nicht aus. Sie haben eine Ethik geschrieben. War das schwer?
Spaemann: Eigentlich nicht. Ich habe es mir auch nie vorgenommen. Es hat sich teils aus meiner Beschäftigung mit der Naturphilosophie ergeben, teils als Reaktion auf Widersprüche, die ich in der Tradition der Ethik sah. In meinem Buch "Glück und Wohlwollen" habe ich versucht, eine Verbindung herzustellen zwischen einer Klugheits-Ethik - wie man glücklich wird - und einer Lehre der Gerechtigkeit. Die Antike fragt immer, was wir im Grunde wollen. Die Kantische Ethik fragt, was wir sollen. Kann man diese beiden Fragen nicht irgendwie zusammenbringen, dann ist die Ethik ohnmächtig. Es ging mir eigentlich darum zu zeigen, dass das, was wir sollen, ein Teil dessen ist, was wir sowieso im Grunde wollen.
Was würden Sie da als Lektüre empfehlen?
Spaemann: Platon und Aristoteles. Und vielleicht ein bisschen Thomas von Aquin. Und auf jeden Fall Kant. Auch die "Dialektik der Aufklärung" war für mich wichtig. Der Gedanke einer Selbstaufhebung der Aufklärung ist dort so eindrucksvoll entwickelt, dass es einem für manches die Augen öffnen kann, wenn man auch das Grundkonzept am Ende nicht teilt. Das Buch zeigt einem nicht, wo es langgeht, aber es zeigt einem die Falschheit des Falschen.
Was lesen Sie zur Zeit?
Spaemann: Ich lese im Augenblick überhaupt nichts Philosophisches, aber das ist vielleicht eine Phase. Ich las zuletzt zum zweiten Mal "Der Herr der Ringe".
Ein Hauptbetätigungsfeld für Ethiker ist heute die Gentechnik. Konservative sind hier in einem Dilemma. Sie müssten hier eigentlich Gegner zu schnellen Fortschritts sein, aber die Wirtschaft drängt auf Innovationen. Wie soll man diese Schizophrenie lösen?
Spaemann: Das scheint mir eindeutig. Die Grundfrage, von wann bis wann ein Mensch ein Mensch ist, Personenstatus hat, darf nicht nach wirtschaftlichen Kriterien entschieden werden. Konservative, die sich bei der Beantwortung dieser Fragen von Interessen der Wirtschaft oder der medizinischen Forschung leiten lassen, verdienen diesen Namen nicht. Hier gibt es Grenzen, die denjenigen, der sie nicht respektiert, selbst nicht-respektabel machen.
Die meisten Politiker leisten kaum Widerstand gegenüber der Technologie.
Spaemann: Widerstand kommt oft nur von den Grünen, die auch nicht konsequent sind. Man darf ethische Fragen nicht unter einem fiktiven Begriff von Universal-Verantwortung betrachten. Ich habe nicht die Verantwortung dafür, ob in der Welt schließlich Experimente gemacht werden, die man mit Menschen nicht machen darf. Die Vorstellung, wenn ich etwas nicht verhindern kann, dann müsste ich es auch selber tun, führt uns in den dunkelsten Morast. Wofür ich verantwortlich bin, ist das, was ich tue, und nicht was irgendwo in der Welt geschieht. Ich bin nicht der liebe Gott.
Wie kann man heute noch Theologie betreiben? Kommt man sich da nicht manchmal völlig unzeitgemäß vor?
Spaemann: Die christliche Theologie, der Glaube, befindet sich in einer Situation, die von Anfang an vorgesehen war. Wenn Sie die Briefe der Apostel lesen, heißt es da "Wir sind Pilger und Fremdlinge in dieser Welt". Die Christen haben sich als Fremde verstanden in einer falschen Welt. Adornos Spruch, es gebe kein richtiges Leben im falschen, ist zwar falsch. Aber wer sich in einem Kontext bewegt, den er als falsch betrachtet, der wird sich in ihm sicher als Fremder vorkommen. Das ist die klassische Situation des Christentums. Über ein Jahrtausend hin war das nicht so sichtbar, weil die Gesellschaft eine so genannte christliche Gesellschaft war. Vielleicht würde aber die Welt in einem viel schlechteren Zustand sein, wenn sie diesen Fremdkörper nicht in sich hätte.
Der Antisemitismus hat in Europa wieder Saison. Sehen Sie irgendwie eine Schonfrist für die Juden abgelaufen?
Spaemann: Wir haben derzeit eine ganz unglückliche Situation. Es gelingt offenbar nicht, ein Verhältnis der Normalität herzustellen von Nicht-Juden zu Juden. Die Juden selbst beklagen es - neulich hat wieder ein namhafter Sprecher des deutschen Judentums gesagt, man müsse doch dazu kommen, nicht immer nur befangen durch Hypotheken der Vergangenheit den Juden zu begegnen. Stellt aber jemand Normalität her, ist es auch wieder nicht richtig. Dann soll man nämlich bei allem, was man tut und sagt, das grauenhafte Verbrechen der Nazis im Kopf haben. Das macht Unbefangenheit unmöglich. Man kann nicht die Unbefangenheit haben, Juden so zu begegnen wie jedem normalen Menschen und ihre Handlungen so zu beurteilen und sich dann aber Beurteilungen zum Beispiel der Politik Israels doch wieder mit Rücksicht auf einen Sonderstatus der Juden zu verbieten. Man muss wissen, was man will. Aber es wird wohl immer unmöglich sein, ein völlig "normales" Verhältnis zum Judentum zu gewinnen, denn das Judentum ist auch in seinem Selbstverständnis nichts "völlig Normales".
Wie sieht das ein Christ?
Spaemann: Die Christen haben dieses Dilemma von Anfang an verstanden. Sie haben eine Interpretation dafür: dass die Juden das auserwählte Volk sind und den Stamm bilden, der einmündet in das universalisierte Judentum, genannt Christentum. Daraus folgt, dass das Judentum eine göttliche Existenz-Garantie hat, dass es immer das Volk ist, das unter Vorbehalt steht und damit aber immer in einer anormalen Situation ist. Mit dem Staat Israel wollten die Juden Normalität herstellen. Endlich sollte dieses Volk auch einen Staat haben. Aber Martin Buber hat sich deutlich gegen den Staat Israel gewandt. Er sagte: Wenn die Juden einen Staat machen, erliegen sie der Versuchung und wollen sein wie die übrigen Völker, wie es im Alten Testament heißt. Es gab und gibt Juden - wie Edith Stein oder den Pariser Erzbischof Lustiger -, die das Christwerden als Konsequenz ihres Judeseins betrachten. Dass die meisten Juden das nicht so sehen, muss man, wie Paulus schreibt, als Mysterium respektieren.