Der Regisseur Martin Kusej über geschwärzte Texte, abgründige Autoren und Lebenserfahrung.
Die Presse: Sie haben als junger Mann Handball gespielt, hat Ihnen die Erfahrung mit Sport-Ritualen als Regisseur genützt?
Martin Kusej: Wenn man Gruppen führt, ist Sport eine gute Schulung. Man lernt die psychosozialen Prozesse in einer Mannschaft extrem gut kennen. Die Qualitäten des Wettkampfs sind auf den Beruf des Regisseurs übertragbar: Die Kräfte einteilen, mit Niederlagen umgehen zu lernen. Das ist bei mir jetzt aber weit weg. Ich werde wohl darauf angesprochen, weil es exotisch ist. Auch im Handballverein war ich immer der Exot - der Lehrersohn, der Theater studiert. Es gilt das Star-Prinzip. Die Alpha-Tiere werden angenommen, wenn sie eine gewisse Leistung bringen. Das spielt sich in beiden Fällen auf archaischem Niveau ab.
Zum Star gehört auch die Kunst der Verführung. Was sind Ihre Methoden, um die Leute in Bann zu nehmen?
Kusej: Ich habe keine Star-Allüren, aber für die Qualität meiner Arbeit stehe ich ein. Ich muss meine Mitarbeiter animieren, also in diesem Sinne verführen. Wir gehen sechs bis acht Wochen gemeinsam auf ein Ziel zu. Zuvor versuche ich selbst, zu einer emotionalen Begeisterung für ein Stück zu kommen. Diese Erregung soll auch der Zuschauer spüren. Als ganz junger Regisseur muss man gelegentlich auch Stücke machen, die flach sind. Die Motivation entsteht dann daraus, dass man sich sagt, das ist deine einzige Chance, man muss ex negativo zu einem Resultat kommen. Da fliegen manchmal viele Späne. Das ist mir in Graz bei einem Stück Peter Roseis so gegangen. Ich schätze ihn als Prosaiker, das Stück war mir schwer zugänglich. Es ist ein sehr skandalöser Theaterabend geworden, ein Märchen.
Skandal und Kunst bedingen sich oft.
Kusej: Jede gute Kunst muss den Skandal in sich bedingen, nicht oberflächlich Skandalöses. Nehmen wir den Don Giovanni; da ist der Tod das Skandalon, nicht der Sex. Der Tod ist viel stärker tabuisiert als der Sex. Wenn man bei Don Giovanni den Tod zeigt, ist das viel spannender als die Verfolgung von Frauen durch spanische Edelmänner.
Wie wird man der Autorintention gerecht? Die große Kritik am Regietheater lautet doch, dass Bürger IHREN Shakespeare, IHREN Moliere nicht mehr zu erkennen glauben.
Kusej: Das Wichtigste ist die Werktreue. Solange ich den Autor respektiere, fühle ich mich auf der richtigen Seite. Spaß muss es auch machen, damit die Leute nicht gleich rauslaufen. Wenn jemand sagt "Ich erkenne meinen Faust nicht mehr", sollte er sich ganz einfach schämen. Es gibt Sätze, die man nicht sagen kann. Das ist ein Un-Satz. Er hat mit traumatischen Ur-Erlebnissen von Menschen zu tun, die gezwungen wurden, in ein Theater zu gehen. Diese Leute reden nicht vom tatsächlichen Dramatiker Shakespeare oder Goethe, sondern vom Theater ihrer Kindheit, das tatsächlich schrecklich war. Der ursprüngliche Faust ist auch vermittelt worden. Die Vermittlung braucht man, nicht den Faust 1795, 1831.
Reden wir ein wenig über die Jugend. Wie war denn Ihre erste Grillparzer-Erfahrung, und wie wurde er entstaubt?
Kusej: Meinen ersten Grillparzer habe ich in Graz gemacht, 1992. Rosei hat mir den Tipp gegeben, "Grillparzer oder Das abgründige Biedermeier" von Heinz Politzer zu lesen. Wenn man durch so einen Autor einen neuen Blick auf Tradiertes bekommt, ist es spannend. Ich muss genau dieses Tradierte, das Stadttheater oder Burgtheater einfach auslöschen - das passiert bei mir meistens so, dass ich in den Stücken mit einem dicken schwarzen Filzstift alles wegstreiche, was mich stört. Da bleibt nur eine Art Gerippe übrig, dann beginnt ein neuer Blick, und ich gehe mit einer heutigen Empfindung und Sicht an das Stück ran.
Was macht für Sie das Abgründige aus?
Kusej: Im Grunde beschreibt Grillparzer immer eine Ambivalenz. Noch beim größten patriotischen Gedicht in "Ottokar" strömt wie bei einer Komposition von Mozart zwischen den Zeilen oder Tönen etwas heraus, das eine brüchige Welt spüren lässt. Wenn man die Oberfläche durchstößt, ist man sehr schnell am Abgrund. Da ist einfach nichts Verlässliches. Das ist die Grundkonstellation des Menschen. Ich finde ein Stück interessant, wenn hinter der Fassade plötzlich etwas weich wird. Wenn ich etwas über Ängste erzählen kann, die alle Menschen befallen, kann ich mit Theater etwas erzählen, das sie nicht wissen, aber ahnen.
Es gibt Autoren, an die man mit der Axt herangehen kann. Die Elisabethaner waren auch nicht zimperlich beim Kürzen.
Kusej: Es gibt genügend junge Regisseure, die so radikal streichen, dass ich schon der Traditionalist bin, weil ich einen gewissen Spaß daran finde, mich an den schwierigen Aufgaben eines Stückes zu messen. Es gibt Monologe, Arien, die ich nicht streichen kann. Diese Beschränkung setzt in mir Kreativität frei; wenn man das eindampfen würde, wie man heute so sagt, wäre das so, als ob man beim Skifahren einen Slalom gerade runterfährt. Dann ist man radikal im Ziel, hat aber kein einziges Tor genommen.
Shakespeare hatte wahrscheinlich kein Problem, seine Stücke dem Publikum anzupassen. Damals war diese Ehrfurcht vor dem unveränderlichen Text nicht vorhanden.
Kusej: Das Publikum weiß nicht mehr, dass es das total authentische Kunstwerk nicht gibt. Es wird zusammengeklaut, es gibt work in progress. Wenn man sich mit einem Autor beschäftigt, kommt trotzdem etwas Authentisches heraus. Aber ich weiß nicht, woher diese Sehnsucht nach dem ultimativen Kunstwerk kommt. Die ist nicht einlösbar, es gibt dieses Kunstwerk nicht.
Sie haben mit Inszenierungen von Shakespeare-Stücken offenbar Probleme. Warum?
Kusej: Die Arbeit an seinen Dramen bleibt unbefriedigend, weil er so multipolar ist. Nie kann man ihn ganz erwischen. Bei Hamlet habe ich das Gefühl gehabt, das sei ein 300 Meter langer Tanker, bei dem ich ein bisschen Öl einfüllen wollte. Es bleibt ein gigantischer Leerraum. Das bisschen Öl war pur, ehrlich. Ich kann aber nicht behaupten, Hamlet inszeniert zu haben.
Die Krise des Regietheaters, was immer das ist, könnte damit zusammenhängen, dass die 68er in eine Alterskrise geraten?
Kusej: Nein, um Gottes willen; ich meine nur, das Prinzip Stein, das Prinzip Peymann, das Prinzip Zadek beruht darauf, dass sie sich auf einer extremen Abbruch-Kante in der Kunst bewegt haben. Das war notwendig. Etwas musste aufbrechen, das war eine tolle Zeit. Da kann man sie nur beneiden, wir haben diese Energie nicht mehr, vor allem haben wir diese Feinde nicht mehr. Wir haben eine völlig andere gesellschaftliche Struktur, wo es diese Väter nur mehr rudimentär gibt, die man bekämpft.
Man hat eher jetzt ein gelangweiltes Publikum, das nichts mehr schockiert.
Kusej: Die Schocks sind tödlich langweilig geworden. Theater ist komplex, ich weiß nie, warum es manchmal gelingt, manchmal schrecklich wird. Beim Surfen würde man sagen: Erst wenn du dich ins Segel fallen lässt und dem Wind vertraust, fängst du an zu gleiten. Das ist der Zustand, der Regie zur Kunst macht.
Es gibt Stimmen, vor allem aus der Welt der Oper, die sagen: Die Regisseure sollen sich nicht so wichtig nehmen.
Kusej: In der Oper gibt es eine viel schärfere Kante als im Schauspiel, sie ist ein sehr traditioneller Betrieb. Im Idealfall sollten sich die Regisseure nicht so wichtig nehmen - ich nehme mich auch nicht so wichtig. Regisseure sind wie alle anderen Arbeiter. Deshalb behaupte ich nicht, dass Regisseure Künstler seien - da habe ich viel zu viel Respekt vor den tatsächlichen Künstlern, wie den Berliner Philharmonikern, mit denen ich in Berlin "Carmen" probe. Bei ihnen wird mir bewusst, was für ein Würstchen ich bin. Aber die brauchen mich, und ich muss gut sein, damit die Oper als Aufführung funktioniert, da kann ich meine Qualität ausspielen. Alle Element brauchen Harmonie, das ist das Geheimnis von Opernregie. Im Schauspiel ist der Regisseur Koordinator, das ist auch ein Komponieren, da wird er zum Künstler. Regie wird in letzter Zeit wahnsinnig korrumpiert, jeder darf es tun - fatal.
Was sind die Tugenden und was sind die Untugenden von Regisseuren?
Kusej: Der Regisseur ist immer da, vom ersten bis zum letzten Probentag, er muss immer eine Idee haben. Man muss zehn oder fünfzehn Jahre arbeiten, bis man kapiert, was Regie überhaupt ist. Vor fünfzehn Jahren hätte ich "Handwerk" als traditionellen Begriff abgetan. Jetzt kenne ich meine Profession. Ich bin als Regisseur handwerklich relativ unangreifbar geworden, weiß über den Ablauf Bescheid, kann mit Schauspielern umgehen. Der ideale Moment des Regisseurs ist, wenn er sich mit Schauspielern trifft, man kann das auch Probe nennen. Ich gebe als Regisseur ein Gefühl, eine Atmosphäre, eine Geschichte. Die Schauspieler sind so gute Partner, dass sie daraus etwas machen. Regisseur zu sein ist etwas Paradoxes. Er dirigiert die Schauspieler, sie machen etwas Besseres daraus. Er behandelt Stoffe, die andere besser schreiben als er selbst.
In Ihrer Jugend haben Sie gesagt, Oper sei das Letzte. Wird Kusej etwa alt?
Kusej: Die Musik, die ich inszeniere, dieses neue Betätigungsfeld, bewahrt mich hoffentlich vor früher Senilität.