Am 1. August 2005 wird es ernst: Die Reform der Rechtschreibung tritt an den Schulen verbindlich in Kraft.
B
isher konnten es sich Lehrer in der Übergangszeit von der alten zur neuen Rechtschreibung stellenwei se leicht machen und den Rückgriff auf alte Schreibweisen als "überholt" kennzeichnen. Ab 1. August 2005 aber tritt eine Klärung ein, die Gnadenfrist wird dann ablaufen: "Überholt" oder "veraltend" wird schlicht und einfach zu "falsch". Die Kultusminister der deutschen Länder haben einstimmig einen Bericht gebilligt, den die Zwischenstaatliche Kommission zur Umsetzung der vor fünf Jahren an den Schulen eingeführten Reform vorgelegt hat. Auch Österreich folgt diesen Empfehlungen, hieß es von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer am Freitag in St. Johann im Pongau. Die Umsetzung der Reform verlaufe hierzulande problemlos. Zu diesem Schluss war auch der Kommissionsbericht gekommen.
Künftig muss also an Schulen und Universitäten als Fehler gewertet werden, was bisher nur als altmodisch galt, müssen sich staatliche Behörden anpassen, obwohl diesen keine Sanktionen drohen. Das Inkrafttreten bedeutet aber nicht, dass es künftig keine Grauzonen geben wird. Eine kleine Reform der Reform ergibt nunmehr eine größere Wahlfreiheit bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. Man darf "alleinstehend" oder "allein stehend", "Rat suchend" oder "ratsuchend" schreiben. Auch "platzsparend" mit der Steigerung "platzsparender" (statt "Platz sparender") wird erlaubt.
Die Praxis wird zeigen, welche Variante sich durchsetzt oder welche Fehler unausrottbar bleiben. Weitere Korrekturen der deutschen Rechtschreibung sind möglich. Die Zwischenstaatliche Kommission wird durch einen "Rat für die deutsche Rechtschreibung" ersetzt. Seine Aufgabe: Beobachtung der Entwicklung und Erstellen von Verbesserungsvorschlägen. Dieser Prozess wird davon abhängen, wie die neue, staatlich verordnete Rechtschreibung von den einzelnen Bürgern angenommen wird, denen eine persönliche Schreibweise unbenommen bleibt. Gesetzt den Fall, eine große Zahl von Bürgern bleibt beharrlich dabei, das Wort "Gemse" zu verwenden und nicht die neue Schreibung "Gämse", besteht die Chance, dass der Rat für die deutsche Rechtschreibung einen Verbesserungsvorschlag macht und eventuell die alte Schreibweise wieder aufgenommen wird. Für Schüler aber heißt es: Bis 31. Juli 2005 gilt "Gemse" als "überholt", ab 1. August 2005 als "falsch".
Die Schulbuchverlage, die im Vorfeld der Kulturministerkonferenz vor einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung gewarnt haben, werden zufrieden sein. Es gebe kein Rechtschreib-Chaos, so der Branchenverband. Die deutsche Öffentlichkeit sieht die Umstellung laut Institut für Demoskopie Allensbach weiterhin äußerst skeptisch, doch die Gelassenheit wächst: 38 Prozent stehen der Reform gleichgültig gegenüber. 49 Prozent sind dagegen. Vor fünf Jahren waren es 70 Prozent Gegner. Die Befürworter bleiben eine exklusive Minderheit. Vor fünf Jahren waren es 200 von 2000 Befragten, nun sind es 260, wie die aufwändige (pardon, aufwendige), beim Volk Rat suchende (oder ratsuchende?) Studie ergab.