Warum der Irakkrieg die Jugendkultur nie so prägen konnte wie der Vietnamkrieg: Versuch einer Antwort auf die Klagelieder von der "unpolitischen" Pop-Generation.
Kein politisches Bewusstsein mehr, diese heutige Jugend. Und erst die heutige Popmusik: alles nur Kommerz, oberflächliche Operationen, Sparten-Spaß, Zielgruppen-Zauber. Man kennt die Klagen. Auch in der - an sich verdienstvollen - "Pop-und-Politik"-Dokumentation von Dolezal und Rossacher (zweiter Teil: Sonntag, 16. Mai) klingen sie durch, verbundenen mit der immer währenden Aversion der Prä-Punk-Generation gegen den Punk: War dieser wirklich so politisch, wurde gefragt, oder doch nur banale "Teenage Angst"? Dazu nur eines: Man kann über "The Clash" viel lästern, aber dass sich ihre politischen Aussagen, wie es bei DoRo hieß, auf "oberflächlichste Gesten" beschränkt hätten, ist Unsinn. Und was ist an "White Riot" oder "London Calling" weniger posenhaft als am "Kick Out The Jams" der MC Five?
Das war 1969, gut, das Jahr, das Iggy Pop im gleichnamigen Song als "another year with nothing to do" beschrieb. Da gab es eben doch etwas zu tun. "Wir waren die Typen, die nach Vietnam gehen mussten", sagte MC-Five-Gitarrist Wayne Kramer in der DoRo-Doku - und brachte damit den Unterschied in der Wahrnehmung des Krieges durch die US-Populärkultur auf den Punkt: Im Vietnamkrieg konnte die Einberufung zum großen Töten und Getötetwerden jeden treffen, der nicht über wirklich gute Beziehungen verfügte; im Irak waren und sind es Freiwillige, ein Berufsheer, das sich bekanntlich durchaus nicht aus allen sozialen Schichten gleichmäßig rekrutiert.
Die allgemeine Wehrpflicht, die in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt worden war, wurde 1973 nach Ende des Vietnamkriegs aufgehoben - auch, wie es in Kommentaren hieß, "weil ein Heer aus Wehrpflichtigen politisch zu anfällig wird". Während des Vietnamkrieges wurden 45.000 Amerikaner wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion straffällig. Der Mann der Sängerin Joan Baez saß eine Haftstrafe ab, der Kinderarzt Benjamin Spock wurde wegen "Anstiftung und Vorschubleistung zur Desertion angeklagt. Das öffentliche Zerreißen und Verbrennen der Einberufungsbefehle wurde geradezu zur Grundform des "Happenings".
Nur die tatsächliche Betroffenheit erklärt, wie wild die Menge in Woodstock dem Krieg ihr "F.U.C.K." entgegenbrüllte, warum sogar die heute gemütlich klingenden "Creedence Clearwater Revival" über den asiatischen Dschungel ("Run Through The Jungle") singen mussten. Nur aus der echten Bedrohung versteht man das hysterische Video zu "Universal Soldier" der Doors: Jim Morrison als Märtyrer, der sein letztes Blut auf Blumen speit. Dieser Offizierssohn hatte eine solide Grundlage für seinen Vaterhass.
Gegen diese Antikriegsbewegung der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, die die - bis heute wesentlich amerikanische - Popkultur nicht nur beeinflusst, sondern völlig verändert hat, muss jede heutige Bewegung oberflächlich wirken - nicht weil die "heutige Jugend" an sich so gleichgültig oder so "unpolitisch" ist, sondern weil sie - zumindest in der USA und in Europa - die Ereignisse aus der Distanz sehen kann. Weil selbst die größte moralische Empörung, selbst das reinste Mitleid nichts ist gegen die Angst, selbst in fremdem Busch oder fremder Wüste zu verrecken.