Mit Siegfried Anzinger schließt eine neue Generation zu den Staatspreis-Trägern auf. Niemand hätte ein besseres Bindeglied sein können.
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iegfried Anzinger ist nervös. Eigent lich zeichnet er dann gerne, um die Spannung abzubauen. Aber, im Wie ner Hotelzimmer war in der Hektik kein Bleistift zu finden. Und in der Albertina, wo dem seit 20 Jahren in Köln wohnenden Maler gleich der "Große Österreichische Staatspreis" überreicht wird, muss für die Kameras posiert werden. Die Konzentration auf den Moment steht dem introvertierten 51-Jährigen mehr in Gesicht und Haltung geschrieben als die Freude. "Ich bin ein alter Stinkstiefel geworden, aber ich freue mich sehr, kann's nur nicht so zeigen", murmelt er.
Und - fast - alle sind sie gekommen zu Verleihung und Fest am Montagabend, vom Szene-Friseur bis zu Sloterdijk, Kollegen wie Brus, Pichler, Attersee, die Freunde aus der "Neuen Wilden"-Aufbruchszeit Anfang der 80er, Mosbacher, Bohatsch, Damisch. Es ist dieser leise Hauch von Genialität, den Ältere wie Jüngere mehr oder weniger akzeptieren müssen und der Anzinger zu einer Integrationsfigur macht. Naheliegend, dass gerade mit ihm die nächste Generation in die Reihen der Träger der wichtigsten österreichischen Kunst-Auszeichnung vorrückt. Zuletzt wurden HK Gruber, Gert Jonke, Wilhelm Holzbauer geehrt.
Und doch war der Preis an Anzinger auch eine Überraschung. Denn trotz regelmäßiger Ausstellungen war der Auslandsösterreicher, der Wien, die "alte Geliebte", wie er sagt, nur selten besucht, nicht wirklich fassbar. Vergessen habe er sich aber nie ganz gefühlt. Er vertrat Österreich auf der Biennale, bekam sehr früh den Kokoschka-Preis. Mit seiner Generation hätte die Neugier des Kunstmarktes auf die Jugend begonnen, meint Anzinger. "Mein Lehrer hat noch gesagt: ,Jetzt malst du einmal 20 Jahre und mit 40 stellst du dann das erste Mal aus.'" Aber, the times they are a-changin'. Anfang 30 schon, Anzinger war gerade auf der "documenta VII" vertreten, wurde ihm die erste Professur, an der Wiener Akademie, angeboten. Abgelehnt. Er sei noch zu jung gewesen, sagt er heute. Und überhaupt: "Wenn du in Österreich damals Künstler und Professor warst, warst du ein Idiot. Wenn du Künstler ohne Professur warst, warst du ein doppelter Idiot." Seit 1997 unterrichtet er an der Kunstakademie Düsseldorf. Er sei jetzt "papahaft" genug. Sein Rektor, Markus Lüpertz, hielt die Laudatio zur Preisverleihung.
Der Unterricht ist Anzinger ein großes Anliegen. Seine 40 Studenten seien wie Kinder für ihn. Die neue, von Medienbildern geprägte Gegenständlichkeit, die "Scheiß-Romantik" geht ihm aber ordentlich auf die Nerven. Er selbst habe noch nie nach einem Foto gemalt, "da würde ich einen Schlafanfall bekommen", wischt er die Methode lässig weg. Aber, er spüre es schon: "Die Abstraktion wird wieder kommen." Und das sagt der, der die Balance zwischen Gegenstand und Auflösung fast bis zum Manierismus entwickelt hat.
Seit den späten 90er Jahren kreist er in seinen mit flüchtigem Strich hingeworfenen, transparenten Leimfarben-Bildern um nichts weniger als die Genesis und andere Urbilder der Kunstgeschichte, die er dann mit Ironie bricht, um ihnen das Pathos auszutreiben. Die Madonna alias Mutter mit Kind kann so auch schon zur Hure oder Hausfrau werden. Das Erotische ist aber nicht Selbstzweck, es halte ihn nur bei Laune, erzählt er. Denn ihn interessiere in der Kunst das Neue im Alten, nicht die Revolution. "Ich hatte nie den Hass, der Gesellschaft die Gedärme herausreißen zu müssen. Ich war nie so verwundet", blickt er auf die ältere Aktionisten-Generation.
Zurzeit scheint sich in Anzingers Werk aber eine wenigstens schleichende Revolution anzukündigen. Denn das Thema Schöpfung beginnt ihn zu langweilen. Die Bilder werden auch vom Geschehen her immer leerer, wie man auch in seinen jüngsten Zeichnungen bemerkt, die zurzeit in der Albertina ausgestellt sind. Barocker und vielfiguriger will er wieder arbeiten wie seine großen Vorbilder, die Deckenmaler wie Tiepolo oder die Asam-Brüder. Das Bild muss wieder gesprengt werden, sagt er. Und alles müsse fließen. Danke. (Albertina, "Werke auf Papier 2001-2004": Bis 29. 8. Tägl. 10-18h, Mi. 10-21h. Katalogbuch: Snoeck Verlag, 48 €.)