Herbert Rosendorfer, zu Besuch an der Freien Bühne Wieden, im Gespräch über Macchiavelli und Europa, Theater und die Natur des Menschen.
"Die Presse": Niccolo Macchiavelli, der Autor von "Mandragola", ist sehr früh in Verruf geraten - was würden Sie zu seiner Ehrenrettung sagen? War er ein anständiger Mann?
Herbert Rosendorfer: Ich habe ihn nicht gekannt. Er war aber, glaube ich, kein sympathischer Mann, sein Hauptwerk, "Il Principe", ist zynisch, kaltschnäuzig. Dass Friedrich der Große sich bemüßigt fühlte, einen Anti-Macchiavelli zu schreiben, verstehe ich nicht, denn Macchiavelli betrachtet den Staat rein kommerziell. Er war ein Zyniker, geistreich, er hat wahrscheinlich den Menschen nicht gemocht - und ist dadurch wieder sympathisch.
Und noch immer zeitgemäß.
Rosendorfer: Daran zweifle ich, denn ich glaube nicht, dass viele Politiker ihn wirklich gelesen haben. So wie es kaum einen Marxisten gegeben hat, der Marx gelesen hat. Aktuell ist mir hier in Österreich etwas aufgefallen: Die Schwarzen haben eine Kampagne starten wollen, mit dem Motto "Die Politik braucht ein Gewissen" - ein rätselhafter Satz. Und dann gehen die Roten her und schreiben etwas darunter - wunderbar, wie auswechselbar das ist.
Ist "Mandragola", das Sie für die Freie Bühne Wieden bearbeitet haben, zeitgemäß?
Rosendorfer: Nein. Die Problematik wäre heute nicht mehr glaubhaft. Es war zeitgemäß zu seiner Zeit - so zeitgemäß, dass es Macchiavelli nicht fertig schreiben konnte. Er hat keinen richtigen Schluss gefunden, konnte keinen finden. Jede Komödie ist ja eine Tragödie - die "Mandragola" ganz extrem. Ein Happy-End konnte er nicht machen, weil es unmoralisch gewesen wäre, aus religiösen, politischen, gesellschaftlichen Gründen. Die Idee ist ja eine Königsidee. Er hat aber nicht alles aus ihr herausgequetscht. Ich habe es probiert.
Gibt es positive Figuren? Mit der Lucrezia, die sich mit Verführer und Ehemann arrangiert, könnte man sich doch anfreunden.
Rosendorfer: Sie arrangiert sich, obwohl sie nicht gut weiterleben wird können. Man weiß ja nicht, vielleicht gibt es ein Kind, es ist schon traurig, was ihr passiert.
Heute würde man sagen: Sie hat eine Patchwork-Family.
Rosendorfer: Sie nimmt diese eine Sekunde Glück dankbar an, weiß aber, dass es die letzte Sekunde gewesen sein wird, denn sie liebt den Verführer Callimaco wirklich. Er ist ein Windhund. In der Schlussszene erfährt er, dass es einen ähnlichen Fall, einen alten Mann mit junger Frau, in Korinth, gibt, und fragt: "Wie schaut sie aus und wo ist das nächste Schiff nach Korinth?" Er würde das wiederholen, er ist in der Kette der Leichtsinnigkeiten gefangen, er ist nur ein Glied darin, wer weiß, was er vorher schon alles gemacht hat. Sympathisch ist eigentlich nur sie, vielleicht auch die Dienerin, alle anderen sind so unsympathisch, wie Menschen halt unsympathisch sind.
Sie nehmen sich gerne italienischer Stoffe an. Ist das eine deutsche Sehnsucht von Ihnen, oder sind das Ihre Südtiroler Wurzeln?
Rosendorfer: Nein, als Südtiroler darf man die Liebe zu den Walschen ja gar nicht haben, obwohl das jetzt nicht mehr so ist. Es ist nicht die romantische Sehnsucht nach dem Süden. Meine Heimat ist das Mittelmeer und das, was drum herum ist, was früher einmal der römisch-griechische Kulturbereich war. Ich bin im Herzen Historiker. Unsere Geschichte basiert auf der Latinität, es ist für mich dieser Strang, der mich anzieht, mich interessieren nicht so sehr die Palmen, der Sonnenuntergang auf Capri, der sehr schön sein kann.
Dann erübrigt sich die Frage über die enttäuschte Liebe des Nordens zum Süden.
Rosendorfer: Enttäuschung habe ich nie erlebt, weil ich von vornherein die Schattenseiten gekannt habe, vor allem als Historiker. Ich war nie ein unkritischer Liebhaber der Mittelmeer-Welt, ich sehe schon in Venedig den Dreck, der herumschwimmt.
1989 sind Sie als Richter freiwillig in den Osten Deutschlands gegangen. Sehen Sie die Wende und nun auch noch das zusammenwachsende Europa als eine Chance?
Rosendorfer: Da muss ich die alte Juristenantwort geben: Das kommt darauf an. Diese EU-Zusammenwachsung birgt ganz ungeheure Gefahren, und zwar kostet es einfach Geld. Das ergibt einen Schwall von Bürokratie, je größer, komplexer der zu verwaltende Bereich ist. Es geht komischerweise einher mit Regionalismus, die Provinzen werden immer kleiner, je größer das Ganze wird.
Der Rosendorfersche Pessimismus wird also nicht geringer.
Rosendorfer: Nein, wenn man sich so umschaut, wie verwundbar wir sind, kann man nur zynisch sagen: Hoffentlich greift Aids noch mehr um sich, damit die Menschen ein bisserl weniger werden. Die Ressourcen werden sich erschöpfen. Wenn die Araber kein Öl mehr haben, wird diese Gefahr beseitigt sein. Wobei ich vielleicht eine Komödie schreibe, in der im Vatikan eine Ölquelle sprudelt und der Papst bestimmt, wie die Welt zu laufen hat. Schrecklich, stellt euch vor, der Papst hat das Benzin!
Material für Komödien, skurrile Bücher, die Sie zum Großteil finden, nicht erfinden, geht also nicht aus?
Rosendorfer: Ich schreibe immer nur mit, sage ich. Das ist alles ganz ernste Geschichte. Die Politiker etwa regieren nicht. Es regieren die Verwalter, die Gewerkschaften, der Industriellen-Verband, vielleicht sogar Kirche und Militär. Die Weltbank und die Bundesbank regieren. Die regieren wirklich.
Ästhetisch sind Sie ja auch nicht gerade Optimist. Sie sind sich mit vielen einig, dass man seit längerem in der Kunst ziemlich erschöpft ist.
Rosendorfer: Das Problem war die bedingungslose Bewertung des Fortschritts. Das scheint man inzwischen ein bisschen in Zweifel zu ziehen. Man dachte ja weit bis ins 20. Jahrhundert, Fortschritt muss sein. Ich glaube, dass manche jetzt darüber nachzudenken angefangen haben. Den letzten Kanon hat es im Jugendstil gegeben, aber auch nur mit Vorbehalt. Als Schriftsteller bin ich froh, dass alles gestattet ist. Ich sehe Beliebigkeit als Chance. In der Bildenden Kunst kommt man wieder mehr zur Gegenständlichkeit, die ganz wilden Abstrakten sind nicht mehr so gefragt. In der Musik wagt Penderecki plötzlich wieder einen C-Dur-Akkord zu schreiben, in der Lyrik gibt es wieder Verse . . .
Das Theater scheint da ein wenig hinten dran zu sein. In den Feuilletons sind noch immer die Regisseure das Wichtigste.
Rosendorfer: Da sind ein bisschen die Feuilletons schuld, was ich verstehe: Natürlich ist eine Eins-zu-Eins-Inszenierung von der "Emilia Galotti" in Rokoko-Kostümen, wenn gute Schauspieler das Stück so spielen, wie es Lessing geschrieben hat, vielleicht gut, aber nicht auffallend. Da muss jemand kommen, der das Stück auf ein Fünftel kürzt, dieses dafür irrsinnig schnell sprechen lässt. Und dann muss man den Regisseur verteidigen, der von einem gebildeten Menschen erwartet, dass er die "Emilia Galotti" ohnehin kennt. Das fällt dann auf, darüber kann man schreiben.
Sie lieben also das Theater. Immer schon?
Rosendorfer: Ich freue mich über eine Inszenierung eines Theaterstücks von mir mehr als über zehn Bücher. Ich habe mich immer als Theaterautor empfunden. Richter geworden bin ich aus ganz äußerlichen Gründen: aus Sicherheitsbedürfnis. Wir sind mit der Mutter alleine aufgewachsen, weil der Vater im Krieg umgekommen ist und drei kleine Kinder hinterlassen hat und eine kleine Rente. Wir haben uns unser Studium erarbeitet; ich habe in den Ferien gearbeitet, und wenn ich meiner Mutter gesagt hätte: "Ich will Schriftsteller werden"; dann hätte sie gesagt: "Du spinnst."