Eine Wiener Urgeschichtlerin mit Ledertechnik-Ausbildung fertigt Bundschuhe nach Modellen der Hallstatt-Kultur.
Ich mag Sachen, die man selber machen kann", sagt Urgeschichtlerin Gabriela Popa - mit einigem Understatement: Sie macht Sachen, die Menschen in unseren Breiten vor zweieinhalb Jahrtausenden gemacht haben. Derzeit sind es Schuhe nach dem Vorbild von Schuhen, die in Hallstatt gefunden wurden: in Salzbergwerken der Älteren Eisenzeit (750 bis 450 v. Chr.)
Es sind Bundschuhe, jeweils aus einem einzigen Stück - vom Schwein oder vom Rind - gearbeitet und nur an der Ferse genäht, mit einem "Faden" aus demselben Material. Ähnliche Schuhe, "Opanken" genannt, wurden bis ins 19. Jahrhundert etwa in Irland und am Balkan getragen.
Im Gegensatz zu unseren heutigen Schuhen haben die Bundschuhe keine Extra-Sohle. Darum geben sie auch wenig Halt: "Sie fühlen sich an, als ob man barfuß gehen würde", sagt Popa, die zu besonderen Anlässe selbstgeschneiderte Bundschuhe trägt: "Und sie nützen sich am Asphalt ab."
Das zumindest war im alten Hallstatt kein Problem. Wer wohnte dort, wer trug die Schuhe? Man nennt die ältere Eisenzeit in diesem Raum auch Hallstatt-Kultur, welche Sprache ihre Träger sprachen, ist unbekannt: Sie schrieben nicht. Wahrscheinlich waren es keine Kelten, deren Kultur kam erst gegen 450 v. Chr., von da an rechnet man die Lat¨ne-Zeit (jüngere Eisenzeit). Um 350 vernichtete ein durch Erdrutsch ausgelöster Wassereinbruch das Bergwerk.
Die verbliebenen Schuhe sind durch das Salz konserviert, das dem Leder Wasser entzieht. Man hat auch Unmengen von Lederriemen gefunden, die offenbar für Transporte dienten: Wenn sie rissen, blieben sie liegen. Ganz so lässig gingen die Bergleute mit ihren Schuhen wohl nicht um, zumindest absichtlich dürften sie sie nicht stehen gelassen haben: Man fand nur Einzelschuhe, kein Paar. In unterschiedlichsten Größen, über der heutigen Größe 40, bis hinunter zu 30: Das lässt vermuten, dass auch Frauen und Kinder im Bergwerk waren. So beschädigt die Schuhe sind - nach Auflassen eines Bergwerks bricht die "Verzimmerung" zusammen, alles wird unter Gestein begraben -, ihre Form wirkt heute noch optisch ansprechend. "Je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr Respekt vor dem handwerklichen Können habe ich", sagt Popa: "Mich fasziniert, wie unterschiedlich die Schnittmuster sind, jeder Schuh ist anders geschnitten."
Popa selbst besitzt einschlägiges handwerkliches Können: Sie hat die Fachschule für Gerberei und Ledertechnik in der Wiener Rosensteingasse absolviert. Das hilft ihr nun bei der Klärung einer Frage: Sind die Schuhe aus Leder im engerem Sinn oder "nur" aus getrockneter Haut? Den Unterschied macht die Gerbung. Man nimmt an, dass in der Eisenzeit drei Methoden verbreitet waren: Fettgerbung (dabei wird Fett, z. B. Hirn, in die rohe Haut eingearbeitet), vegetabile Gerbung (mit pflanzlichen Gerbsäuren), Alaungerbung (Weißgerbung, laut Cäsar - De bello gallico III, 13; V, 14 - bei den Venetern gebräuchlich). Bei diesen Techniken geht der Gerbstoff mit den Proteinen der Tierhaut eine irreversible Bindung ein, man spricht von echter Gerbung. Bei der unechten Gerbung ist die Bindung reversibel, durch Auswaschen wird die Haut wieder gegen Fäulnis empfindlich: Ein Beispiel ist Konservierung mit Salz. Diese kann man klarerweise an einem Stück, das Jahrhunderte in salziger Umgebung verbracht hat, nicht nachweisen.
Bei den Analysen - die nicht viel Substanz der urgeschichtlichen Funde kosten sollen - helfen Schüler in Popas ehemaliger Schule im Rahmen einer Maturaarbeit. Ein Kriterium ist die Schrumpfungstemperatur: Leder schrumpft erst über 60 Grad Celsius, ungegerbte Haut schon darunter. Erste Versuche sprechen für ungegerbte Haut.
Die von Popa gefertigten Imitate, die auch in Museen die Originale vertreten können (siehe Bild), sind freilich aus echtem, modernem Leder. Ob sie bald in Mode kommen? Zumindest in der Arbeitsgruppe "Experimentelle Archäologie" der österreichischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte haben sie bereits Tauschwert. "Ich tausche sie mit Kollegen etwa gegen Imitate keltischer Messer", erzählt Popa, die auch selbst gefertigte Lederhauben mit Fell an der Innenseite la Hallstatt anbieten kann: "Von den Kleidern der damaligen Zeit wissen wir leider nicht, wie der Schnitt war."