Holz, Stein, Metall oder Glas: Im Wiener Musikverein begann am Samstag ein neues Zeitalter.
Stumme Pantomimen als Wegweiser, gelbe und rote Blumen an der Decke, maßvolles Gedränge: Nach zweijäh rigen Bauarbeiten waren am Samstag erstmals die vier neuen Säle im Souterrain des Wiener Musikverein zu besichtigen. Sie heißen nach dem Material, mit dem sie ausgekleidet sind: der "Gläserne" Saal (Aura: distinguiert bis herrschaftlich), der "Steinerne" (südländisch, mit gelbem Kalkstein aus Slowenien), der "Metallene" (kühl) und der "Hölzerne" Saal (kuschelig).
Kinder waren erstaunlich wenige gekommen, dabei sollen die neuen Säle vor allem junges Publikum anziehen: "Wer zu Jazz- oder Filmvorführungen in den Musikverein geht, wird vielleicht eines Tages auch den Großen Saal oder den Brahmssaal besuchen", meint Musikvereins-Chef Thomas Angyan. Fünf Programmschwerpunkte setzt man in den neuen Sälen: "Jazz & Jugend", "Kinder & Familien", "Neue Klassik", "Autoren.Klänge" und "Ton.Film.Musik".
Neben einem Vorgeschmack auf das künftige Programm bot die Eröffnung auch Einblicke in die Baugeschichte. So erklärten im Steinernen Saal die Architekten des Umbaus, Wilhelm Holzbauer und Dieter Irresberger, ihre Überlegungen bei der Planung. Holzbauer: "Glas, Stein, Holz und Metall sind die beim Bauen am meisten vorkommenden Materialien. Wir wollten in jedem der Säle ein Material vorherrschen lassen. Die Kunst war, die Säle so zu gestalten, dass sie auch klingen. Wir mussten also Schall absorbierende und reflektierende Elemente möglichst gut miteinander kombinieren."
Aus diesem Grund sind im Steinernen Saal die Fugen zwischen den gelb-beigen Sandsteinplatten schwarze Metallgitter - sie dienen im Gegensatz zum harten Material Stein als Absorptionsflächen. Im Gläsernen Saal, der architektonisch die größte Herausforderung war, sorgen die kugelförmige Decke sowie konvexe Wandflächen für optimale Aufspreizung des Schalls. Wie ein Musikinstrument "stimmbar" ist der Metallene Saal: "Hinter den Metallplatten befinden sich Rollos, die man hinauf- und hinunterfahren kann. So ist es möglich die Nachhallzeiten und damit die Akustik beeinflussen", erklärte Irresberger.
Vorträge ganz anderer Art im Gläsernen Saal: "Presse"-Musikkritiker Wilhelm Sinkovicz tat in der Rolle des schrulligen Professors alles, um jungen Musikfreunden das Wesen des Klaviertrios näher zu bringen. Wer sich von Markus Zarl, der als Insektenforscher sein Unwesen im Publikum trieb, nicht ablenken ließ, erfuhr etwa, dass der Zusatz TSIAJ beim zweiten Satz von Charles Ives Klaviertrio keine Geschwindigkeitsangabe ist, sondern eine Provokation: "This scherzo is a joke." Oder, dass eine Odaliske (Haremsfrau) sich musikalisch darstellen lässt. Die besprochenen Stücke gab es auch zu hören: Das Altenberg Trio spielte Mozart, Ives, Saint-Sa«ns, Schumann, Juon und Ravel, Markus Zarl brillierte an der Maultrommel. Die Idee zu "Uno, due, tre - ein musikalischer Spaß über das Wesen des Trios" stammte von Klaudia Kadlec, die schon mit ihrer Opera viva Kinder begeistert hatte.
"Musiksauna" - diesen Spitznamen bekam der Hölzerne Saal ob seiner optischen Gestaltung bald umgehängt. Er diente wirklich der Regeneration: Vom Zuhören, Probesitzen und Fachsimpeln Erschöpfte wappneten sich am Büffet mit Apfelstrudel (ohne Nüsse, wie sich's gehört) und Orangensaft. Aus den Fehlern Theophil Hansens beim Bau des Großen Saales hatten die Architekten gelernt: Pausenräume und sanitäre Anlagen gibt es im Souterrain zur Genüge.
Auch technisch funktionierte alles, was am Abend beim Festakt ausführlich gewürdigt wurde. Dort sprach Dirigent Franz Welser-Möst über die Herausforderungen an zeitgenössische Musik: "Die 68er-Generation konnte noch mit bloßer Provokation Aufsehen erregen. Kritik an den Bildungsbürgern greift aber heute nicht mehr, denn die sind am Aussterben." Das wichtigste in der Kunst sei Authentizität: "Zuerst muss ein überzeugendes Produkt da sein, dann kommt die Verpackung und dann der Verkauf. Leider wird diese Reihenfolge oft verdreht - die Programme werden in vielen Konzerthäusern von der Marketingabteilung bestimmt." Das wird im Musikverein gewiss weiterhin nicht der Fall sein.