Symposium: Bilderstürmer, Jenseitsverweigerer, Sympathieträger

Die "GlobArt-Academy" ging am Sonntag zu Ende. Bischof Kräutler wurde ausgezeichnet und "Das neue Bild vom Menschen" nicht gefunden - zur allgemeinen Erleichterung.

Bilderstürmer, Jenseitsverweigerer, Sympathieträger

Es schien friedlich: ein Kloster, im sanften Hügelbett des Waldviertels, ein Symposium, um den "interkulturellen Dialog" zu fördern, mitteilungswillige Wissenschaftler, Gedichte, Kammermusik. Und dann war da eine Gruppe junger Künstler. Sie nahmen zwar nicht teil an den Gesprächen, verschwanden schnell wieder, durften sich aber zur Eröffnung präsentieren - und fackelten diese ganze, so bemüht mit Toleranz getränkte Idylle gleich einmal ab. Ihre spontan nach den Eröffnungsreden gewählten Bilder, die sie auf eine Projektionsfläche in der Klosterkirche schossen, schossen zurück ins Publikum. Bilder eines Erschießungskommandos, Bilder der Erschossenen. Bilder von Robotern, Explosionen, Verkrüppelten, von Slums. Ein neues altes Menschenbild?

Um zu etwas Neuem zu kommen, muss das Alte zerstört werden. Erst müssen Grenzen erfahren werden, um lernen zu können, formulierte es Helmut Schüller (Ombudsstelle der Erzdiözese Wien) in einem der "Arbeitskreise". So gesehen bot die Multimedia-Performance beste Voraussetzungen, das Thema der heurigen GlobArt-Academy, die in Kooperation mit der "Presse" veranstaltet wurde, vorzubereiten. Schließlich galt es, "Das neue Bild des Menschen" zu suchen. Drei Tage, drei Nächte lang. Hoffnungslos romantisch, wer hier jetzt ein Ergebnis lesen will. Es gab Besseres. Mehrere.

Der seit 1997 jeden Sommer neu mit Experten aus Wirtschaft, Wissenschaften, Politik, Kunst, Medien gefüllte Ideen-Pool von GlobArt scheint immer illustrer zu werden. Den Festvortrag etwa hielt der Initiator des Welt-Zukunftsrats, Jakob von Uexküll. Ex-documenta-Macher Jan Hoet, Kinderpsychiater Max Friedrich, Udo Jesionek ("Weißer Ring"), diskutierten. Karlheinz Essl komponierte, Peter Turrini las. Geprägt war das Symposium aber von der Anwesenheit des Bischofs von Xingu, Erwin Kräutler. Am Sonntag bekam er für seinen Einsatz für die Armen Brasiliens und die Indios den "GlobArt Award" verliehen. Eine Erklärung vielleicht dafür, dass die katholische Kirche auf den Podien heuer derart dominant vertreten war, obwohl GlobArt eigentlich den interkulturelle Dialog pflegen will.

Zwischen den unterschiedlichen Disziplinen bahnte sich der Dialog besser an - was dringendst nötig ist, bemerkte Matthias Beck, Ethiker und Mediziner, der den Punkt erreicht sieht, an dem sich alte Philosophie und moderne Genetik treffen könnten, "um den Menschen wieder in seiner Komplexität und Ganzheit zu erfassen". Wozu ein neues Menschenbild also, wenn wir sowieso ein funktionierendes altes hätten?

Nicht akzeptabel für Feministinnen. "Für Frauen eintreten, heißt, für ein alternatives Menschenbild eintreten", so Edit Schlaffer (Boltzmann Institut). Kein Menschenbild!, forderten Ethnologe Manfred Kremser und Elisabeth Schweeger - sondern viele Menschenbilder! "Sich ein Bild machen", so die Chefin des Schauspielhauses Frankfurt, "heißt, sich ein Vorurteil schaffen."

"Innere Bilder" als Ausweg sieht Gerald Huether (Universität Göttingen), dessen Vortrag zum Höhepunkt des Symposiums geriet. Die - von ihm eingestandene - "Binsenweisheit", dass nur Emotionen Menschen ändern können, bekam aus dem Mund eines Neurobiologen aber ein ganz anderes Potenzial. "Damit wir aus eingefahrenen Bahnen herauskommen, müssen wir die emotionalen Zentren im Gehirn angehen. Wenn es uns nicht unter die Haut geht, bleibt das Gehirn, so wie es ist." Sein heftig akklamiertes Fazit: "Wir brauchen einen emotionalen Ruck in der Gesellschaft." Eine beachtliche Aussage war auch Börse-Chef Stefan Zapotocky zur Idee einer "Tobin-Tax" zu entlocken: "Ich bin dafür, dass aus den an der Börse erwirtschafteten Überschüssen einen Anteil die Entwicklungsförderung bekommt und ein dementsprechendes Besteuerungssystem installiert wird."

Eine heute relativ seltene Stimmung entwickelt sich in Pernegg jedes Jahr aufs Neue: Eine immer wieder aufbrausende Euphorie, die Welt mit der Kraft des Einzelnen verbessern zu können. Das mag naiv wirken, macht diese Veranstaltung aber zu einer, "die Erinnerungsmarken setzt", so Franz Karl Prüller, Generalsekretär der Caritas Österreich. Alternative Modelle zum Neoliberalismus etwa wie Ex-Vizekanzler Josef Rieglers "Ökosoziale Marktwirtschaft", die er mit dem "Global Marshall Plan" auf der ganzen Welt einführen will, führen zu Hochstimmung. Sturm auf Brüssel! Es folgten Sturm auf Rom ("Der Kirche fehlen die Sympathieträger", Angerer), sogar Sturm auf das Jenseits ("Der Papst ist ein Jenseitsverweigerer", Lotte Ingrisch).

Einzig ein Manko wird an der GlobArt-Academy immer auffälliger. Sozialwissenschaftlerin Schlaffer formulierte es in ihrem Vortrag für ein anderes Gebiet: "Der Kardinalfehler der Frauenbewegung war, dass wir nicht Weitsichtig genug waren, die junge Generation einzubinden." Und zwar als normale Teilnehmer. Nicht als Showeinlage.

Webtipp:

www.globart.at

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