Jubiläum 2005: Stalins Ukas Nr. 29.904

Die Staatsvertrags-Ausstellung auf der Schallaburg 2005 wird Zeitgeschichte vom Feinsten bieten.

Telegramm aus Moskau an den Heerführer der in Österreich einmarschierenden Roten Armee, Tolbuchin, vom 4. April 1945: "Befehl! Karl Renner ist Vertrauen zu erweisen! Stalin." Ist dieses Telegramm Nr. 29.904 der eigentliche Geburtsakt der Zweiten Republik? Der Grazer Historiker Stefan Karner hat für die Jubiläumsausstellung 50 Jahre Staatsvertrag seine engen Kontakte zu Moskauer Archivaren schamlos ausgenützt: Sein Fund dokumentiert, dass der sowjetische Diktator ganz bewusst dem Nichtkommunisten und Vater der Ersten Republik, Karl Renner, den Vorzug vor allen österreichischen KP-Funktionären gab, "die damals in Moskau an Stalins Tür klopften."

Karner ist wissenschaftlicher Leiter der Großausstellung Niederösterreichs 2005 auf der Schallaburg: "Österreich ist frei!" Sie wird ganz bewusst am 15. April eröffnet. An diesem Tag vor 50 Jahren landete die österreichische Delegation unter Leitung von Bundeskanzler Raab aus Moskau kommend in Bad Vöslau. Und Raab konnte seinen Landsleuten die Kunde bringen: "Österreich wird frei!" Vier Wochen später geschah das Wunder, auf das die Österreicher seit 1945 warten mussten: Der Staatsvertrag im Wiener Belvedere mit dem unvergesslichen Ausruf des Außenministers Figl: "Österreich ist frei!"

Nein, von einem Wettrennen mit der "offiziellen" Ausstellung der Republik im Schloss Belvedere könne keine Rede sein, wiegeln Karner und der Projektleiter Hofrat Stangler von der nö. Landesregierung gleich ab. Man befinde sich in bestem Einvernehmen mit dem zuständigen Staatssekretariat Morak. Auch wenn die Öffentlichkeit von der Bundes-Veranstaltung schon lange nichts mehr gehört hat. Nur so viel: Manfried Rauchensteiner hat sich im Sommer von der Gesamtleitung zurückgezogen, der einstige Leiter des Historischen Museums der Stadt Wien, Günter Düriegl, betreut jetzt die Causa Belvedere. Hier werden am 15. Mai 2005 die Außenminister der damaligen vier Signatarstaaten erwartet. Ob freilich Russlands Außenminister Sergej Lawrow das "Original" des Vertragswerks nach Österreich mitbringen wird, ist noch völlig ungeklärt. Es gibt fünf gleiche Ausfertigungen des Staatsvertrages, aber Moskau hat die so genannte Dispositionspflicht, also die besonders sichere Aufbewahrung für den Fall, dass alle vier weiteren Dokumente verloren gehen sollten. Karner ist sich daher gar nicht so sicher, dass das heutige Russland das Dokument außer Landes bringen darf. "Und wenn, dann nur für ein paar Stunden im Gepäck des Außenministers."

Auf der Schallaburg werde daher diese "Ikone" sicher nicht im Mittelpunkt stehen, versichert Karner der "Presse". Hier gehe es um die schwierige didaktische Aufgabe, der jungen Generation zu erklären, was sich in den zehn Jahren zwischen 1945 und 1955 abgespielt hat. Eine eher "unterbelichtete" Zeitspanne zwischen der Befreiung vom NS-Regime durch die Siegermächte und der endgültigen Freiheit Österreichs - ermöglicht durch eben genau diese Siegermächte.

"Wir werden das Schicksal der Kriegsgefangenen ebenso dokumentieren wie das der Vertriebenen, der NS-Belasteten, der Emigranten", versichert der Grazer Zeitgeschichtler. Schmerzliche, skurrile Begebenheiten werden nicht ausgeklammert: So etwa die flehentliche Bitte des emigrierten Sozialdemokraten Julius Braunthal an Adolf Schärf, in der Heimat am Wiederaufbau mithelfen zu dürfen. Und die Absage Schärfs an den Genossen: Leider, die politischen Schlüsselpositionen seien schon alle besetzt.

Auch der "Fall Ottilinger", der die Österreicher besonders gegen die russische Besatzungsmacht aufbrachte, wird nicht vergessen: Die damals 31-jährige Beamtin im Ministerium Krauland wurde 1948 an der Zonengrenze bei Enns aus dem Auto gezerrt, nach Sibirien verschleppt, wo sie härteste Zwangsarbeit verrichten musste. Und zwar vor einen Pflug gespannt. Stefan Karner: "Fünf Frauen waren ein Pferd." Erst 1955 durfte die völlig Unschuldige heim. 1956 wurde sie von Moskau rehabilitiert.

Webtipp:

www.oesterreichistfrei.at

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