Kunst und Kirche: Zwei Systeme, ohne Rücksicht?

Wie viel Kunst ist einer Messe zumutbar? Eine spontane Diskussion am Altar der Wiener Jesuitenkirche.

Dabei begann alles so friedlich. Jesuitenpater Gustav Schörghofer lud Donnerstagabend zur Präsentation der neuen künstlerischen Intervention in der Wiener Jesuitenkirche. Erstmals ließ er zwei Künstler ins "Epizentrum" vorrücken. Die beiden Auserwählten: Manfred Erjautz, 1966 in Graz geboren. Michael Kienzer, geboren 1962 in Steyr. Beide keine Unbekannten, beide relativ jung.

Kienzer nahm sich des Volksaltars der barocken Prachtkirche an. Zwölf, auf die Jünger hinweisende, schlichte Betonsessel fügte er mit einer Platte zu einem massiven Block zusammen. Den dreizehnten Sessel stellte er als Sitz daneben, wie auch einen Ambo aus zwei Betonkisten, eine Art Ur-Rednerpult. Das im schönen Gegensatz zur Kirche stehende Mobiliar wurde von den Besuchern wohlwollend zur Kenntnis genommen. Beton-Kuben in Kirchen regen mindestens seit den 60er Jahren niemanden mehr auf.

Anders die Heiligen Gefäße und das Stehkreuz aus Legosteinen von Manfred Erjautz. Ein rot-weißes Haus ohne Dach auf einer Bogenkonstruktion dient mit Hilfe eines Plastik-Einsatzes als Kelch. Durch die Fenster könnte man sehen, wie der Wein das Gefäß flutet. Aus einem LKW samt Anhänger bastelte er eine fragmentarische Schale, in der die Hostien gestapelt werden können. Das fragile Lego-Kreuz hat statt eines Corpus ebenfalls einen LKW zwischen die Arme eingespannt.

Hier geht es um Gefäße, Architektur, Bewegung, Verwandlung, Öffnung, um Modelle. Modelle vom Leben, die in der Kindheit die große Welt bedeuten können. Lebensmodelle bietet uns auch der Glaube an. Eine symbolhafte, verschlüsselte Sprache, die Erjautz für seine waghalsige Interpretation gewählt hat. Zu erklärungsbedürftig für die meisten Diskutierenden sowie für den Provinzial der Jesuiten, Pater Severin Leitner, der sich dazu gesellte. Das Mysterium könne mit diesen "Spielereien" nicht assoziiert werden - und theoretische Überbauten seien sowieso das "Übel" aktueller Kunst, wurde bei dem spontanen, teils hitzigen Gespräch, bei dem schon einmal etwas unachtsam mit dem Kelch umgegangen wurde, schnell festgestellt.

Ebenso schnell wurden Erklärungen des Künstlers beiseite gewischt; es ging hauptsächlich um befürchtete Reaktionen einer anonymen Masse von Gläubigen, die am Pfingstsonntag mit den neuen Geräten konfrontiert werden soll. Denn Pater Schörghofer will um halb elf die Messe mit ihnen feiern.

Schörghofer werde die Folgen für die Irritationen der Gläubigen tragen müssen, warnte Provinzial Leitner. Zwei Systeme prallten hier aneinander, Kunst und Kirche. Im Bewusstsein dieser Problematik nannten Kienzer und Erjautz ihre Intervention "General Systems". Auch wenn es klischeehaft klingt: Das Beste, was aus der Installation in der Jesuitenkirche entstehen kann, ist ein Dialog mit der Kunst, der seit Monsignore Otto Mauers Tod 1973 doch zu wenig Aufmerksamkeit von der Kirche bekam. Ein Dialog, der von gegenseitigem Respekt getragen sein muss. Das muss wohl noch geübt werden.


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.