Austrokoffer: "Also packen wir den Koffer um"

Günther Nenning zeigt sich von den Absagen für die österreichische Literatur-Anthologie unbeeindruckt.

Elf Romane, vier Bände Erzählungen und Essays, ein Dramen-, ein Lyrik- und ein Begleitband. Der "Austrokoffer" ist ein ehrgeiziges Projekt: 18bändig, fünf Kilo schwer, 130 österreichische Autoren. Ende Jänner 2005, rechtzeitig zum Jubiläumsjahr, soll der Kanon der "österreichischen Literatur seit 1945" fertig sein. Daran wird laut Herausgeber Günter Nenning auch der Unmut österreichischer Autor(innen) nichts ändern: "Es sind ein paar abgesprungen, also packen wir den Koffer um", so Nenning zur "Presse". "Zum Glück ist die österreichische Literatur so reichhaltig, dass uns das kein Problem bereitet. Wir haben immer noch 70 hoch bekannte Autoren - zehn sind abgesprungen, was ihr gutes Recht ist." Den Grund sieht Nenning darin, "dass hinter dem Projekt angeblich die schwarz-blaue Regierung steckt".

Unter den "Abtrünnigen", deren Liste immer länger wird, sind etwa Elfriede Jelinek, Marlene Streeruwitz, Norbert Gstrein, Ilse Aichinger, Evelyn Schlag, Michael Scharang, Peter Rosei, Kathrin Röggla, Josef Haslinger. Gerhard Roth begründet, warum er mit seinem Werk nicht im "Austrokoffer" vertreten sein will: "Ich sehe nicht die Kontinuität dieser Anthologie. In diesem Land wird die Literatur derer, die ich ernst nehme, herabgesetzt oder niedergemacht. Dass die Literatur im Jubiläumsjahr zum Staatsvertrag zu einem Fest hochstilisiert werden soll, ist für mich eine Überforderung." Es seien Aufrufe von Künstlern oft ignoriert worden, etwa zur Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde oder gegen Jörg Haider. "Nehmen Sie an, Haider würde in Kärnten einen ,Carinthia-Koffer' machen, mit Texten von Bachmann, Turrini, Winkler, Jonke und Handke, und das zu einem Jubiläum des Abwehrkampfes. Ich habe diese schwarz-blaue Regierung nie akzeptiert", sagte Roth. Seine Literatur eigne sich ohnehin nicht für die Verwurstung in einer Anthologie.

Auch der Schriftsteller Peter Henisch zeigt sich differenziert kritisch: "Einerseits sollte man jede Möglichkeit nutzen, um die schönen Leistungen der österreichischen Literatur seit 1955 darzustellen. Andrerseits ist es aber fragwürdig, wenn daraus ein Renommier-Produkt der Regierung wird. Solange dieser Verdacht besteht, möchte ich nicht drinnen stehen." Selbst wenn eine relative Sympathie zu dem Projekt bestehe, muss man sich fragen, ob das nur ein buntes Mascherl sei, mit dem sich die Regierung schmückt. "Was soll eigentlich publiziert werden, wie vermeidet man, dass Texte aus ihrem Zusammenhang gerissen werden? - das müsste schon im Vorfeld geklärt sein, damit es nicht zu einer Verzerrung kommt oder gar kritische Stimmen verschwiegen werden." Die Vorbehalte von Autoren wie Jelinek, Roth oder Streeruwitz seien auf jeden Fall zu beachten. "Die Herausgeber sollten sich mit den Autoren genau ins Einvernehmen setzen", rät Henisch, "ich bleibe skeptisch gegenüber einer Auswahl, von der ich nichts weiß."

Nenning betont indes, dass die Österreich-Reihe ursprünglich für jüngere, relativ unbekannte Autoren gedacht war, um diesen größere Chancen zu eröffnen, auch in anderen EU-Ländern. Da der Verlag aber auch "auf Berühmtheiten bestand, damit es sich besser verkauft", sei man einen Kompromiss eingegangen. Bezüglich der Urheberrechte habe man nichts versäumt, hätte jedoch geschickter vorgehen können, räumt Nenning ein.

Die Aufregung um das Projekt war ausgebrochen, als auf der Ende Juli eingerichteten Homepage einige Autoren ihre Namen auf der Liste fanden, ohne vorher kontaktiert worden zu sein. Mittlerweile heißt es dort, dass die Liste in Arbeit sei und nach Abschluss der Rechtsverhandlungen unverzüglich veröffentlicht werde. In der Branche ist das Projekt freilich seit Monaten bekannt. Kulturstaatssekretär Franz Morak hatte es Ende Februar bei einer Pressekonferenz angekündigt; danach wurden in einer nicht-öffentlichen Ausschreibung 14 österreichische Verlage aufgefordert, ein Anbot zu legen. Erscheinen wird die Reihe nun im Ueberreuter Verlag. Der große Menüplan - also welche Werke im "Austrokoffer" abgedruckt werden sollen - steht fest, die Details aber - einzelne Gedichte etwa - sind noch in Diskussion. Aus diesem Grund sind auch noch nicht für alle Werke die Rechte eingeholt worden, was bei 130 Autoren einen großen logistischen Aufwand bedeutet.

Üblicherweise gibt es im Vertrag zwischen Autor und Verlag einen Passus, dass letzterer die Nebenrechte an Zeitschriften, Rundfunk etc. vergeben darf. Nur ganz wenige bekannte Autoren, wie etwa Thomas Bernhard, haben diese Klausel nicht und müssen extra gefragt werden. Im Normalfall jedoch ist es - rein rechtlich - eine Sache zwischen den Verlagen. So hatte etwa Rowohlt die Rechte für Jelineks "Klavierspielerin" für den "Austrokoffer" bereits eingeräumt. Die Autorin will aber aussteigen, und es ist kaum anzunehmen, dass man sie gegen ihren Willen in den Koffer packt.

Von der rechtlichen Situation abgesehen wäre es atmosphärisch geschickter gewesen, die betroffenen Autoren zu informieren, bevor man ihre Namen auf die Internet-Liste setzt, heißt es in literarischen Zirkeln. Auch die Österreichtümelei auf der Homepage dürfte viele Schriftsteller(innen) vor den Kopf gestoßen haben. Nicht zuletzt ist es der plakative Name "Austrokoffer", der als störend empfunden wird. Es ist nicht auszuschließen, dass Nenning sich eine neue Bezeichnung wird einfallen lassen müssen.

Zum Vorwurf eines "schwarz-blauen Prestigeprojekts" bzw. der politischen Vereinnahmung heißt es unterdessen im Büro Morak: "Die Befürchtung ist von der Hand zu weisen. Günther Nenning ist autonomer Herausgeber der Publikation." Wie viele andere Projekte auch werde der "Austrokoffer" im Rahmen der Kunstförderung unterstützt: mit einem Druckkostenzuschuss für den Ueberreuter Verlag von 265.000 Euro.

Erneut hatte zuvor der Sprecher der IG Autorinnen Autoren, Gerhard Ruiss, das Projekt kritisiert und unter dem Motto "Austrokoffer allein zuhaus" in einer Aussendung geschrieben: "Ohne Autor/inn/en geht die heimlich geplante Sympathiewerbeoffensive für die österreichische Gegenwartskulturpolitik und der heimlich geplante Kanon der österreichischen Literatur nach 1945 tatsächlich nicht." Es werde nicht möglich sein, die Literatur "nachträglich als Leistung einer österreichischen Regierung auszuweisen, die sich weniger als jede andere vor ihr auf Sympathien unter den österreichischen Autor/inn/en berufen oder auf sie stützen kann".

INTERNET 

www.austrokoffer.at

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