Zum Tod des französischen Philosophen Jacques Derrida.
Er war in der modischen französischen Philosophie der Postmoderne der letzten 40 Jahre präsent wie kein zweiter: Von logischen Empiristen, Engländern meist, der Scharlatanerie geziehen, in Frankreich und vor allem in den USA verehrt wie ein Guru, überrollte der 1930 in Algerien geborene Jacques Derrida die Geisteswissenschaft.
Mehr als 100 Bücher hat er geschrieben - philosophische, sprachwissenschaftliche, soziologische, politische - mehr als 400 sind über ihn geschrieben worden, allein im angelsächsischen Raum gibt es gut 500 Dissertationen, die sich mit ihm beschäftigen.
Derrida wird letztere Texte kaum entziffert haben. Unlängst wurde ein Film über ihn gedreht. Als der Philosoph in seiner Bibliothek vom Interviewer gefragt wurde, ob er denn all diese Bücher gelesen habe, sagte er verschmitzt: "Nein, nur vier davon. Aber die lese ich sehr, sehr sorgfältig."
Der Diskurs des Post-Histoire und die von Derrida geprägte Methode des Dekonstruktivismus, wiewohl in die Jahre gekommen, reizen noch immer zur Differenz. Derrida las 30 Jahre lang Philosophie in Paris, er lehrte an den renommiertesten US-Universitäten, übte politisch resolut Kritik an der Rechten in Amerika und Europa. Er mischte sich ein, gegen Xenophobie, Militarismus, Populismus. Er unterstützte den Sozialisten Lionel Jospin im Wahlkampf.
Obwohl er ein mäßig erfolgreicher Schüler war, durfte Derrida an der Ecole Normale Supérieure studieren, arbeitete bei Sartres Intellektuellen-Zeitschrift "Tel Quel" mit, von der er sich später distanzierte. Von seinem Lehrer Emanuel Levinas lernte Derrida Misstrauen gegen die Metaphysik.
Seine Schutzgötter waren Freud und Heidegger. Derrida rüttelte am Begriff der Wahrheit. Er setzte ihm die Vielschichtigkeit der Sprache entgegen, eine spielerische Art der Interpretation. Für diese Philosophie gibt es keinen gültigen Sinn von Texten. In Wien Mitte der Neunzigerjahre beim Promoten seines Buches "Marx' Gespenster" auf seine frühen Klassiker "Die Schrift und die Differenz" sowie "Grammatologie" angesprochen, erwiderte der Denker, er habe keine Ahnung mehr, was er beim Verfassen dieser Werke intendiert oder gemeint habe.
Nur eine sehr blasse Ahnung haben, nur ja keine Hermeneutik, keine wissenschaftliche Auslegung von Texten zulassen - dieser Wahnsinn der Verweigerung von Sinn hat bei Derrida Methode. Die Dekonstruktion erlaubt keine objektive Wahrheit, sondern legt immer neue Schichten an Bedeutung frei. Die Suche nach dem Gültigen, nach Identität sind für ihn eine Fehlleistung der westlichen Kultur. Er bevorzugt die Lust am Text, an immer neuen Spielarten. Damit ist er wohl, um ein abendländisches Erklärungsmuster zu verwenden, das Derrida abgelehnt hätte, der Dichtung zuzuordnen, nicht dem Geist der Wissenschaft.
"Alles ist Text", lautet seine Antwort auf die Frage nach Bedeutung. In der Nacht auf Samstag ist in Paris der bedeutende Denker Jacques Derrida im Alter von 74 Jahren gestorben. Das bedeutet für die Philosophie eine neue Sichtweise, denn wie heißt es in "Laelius de Amicitia": "So kommt es, dass Abwesende zugegen ... und, was man kaum in Worte fassen kann, Tote lebendig sind ..." [Foto: epa/Ernert]