Die Kontrolle verloren: Star-Fotograf Helmut Newton (83) starb in seinem Winterdomizil in Hollywood an den Folgen eines Autounfalls.
Vielleicht war er sogar ein wenig enttäuscht. Denn schockiert zeigte sich an diesem Abend im April 2003 in Graz niemand. Vielmehr wanderten die geladenen Gäste betont gelassen durch die Räume der Neuen Galerie. Vorbei an den sadomasochistischen Szenerien der Ausstellung "Phantom der Lust", um als Belohnung mit dem Stargast, dem teuersten Fotografen der Welt, zu dinieren. Ein ganzer Raum war den schwarzweißen Lack-und-Leder-Bildern von Helmut Newton gewidmet, dem Grandseigneur der dunklen Laszivität und dekadenten Hochglanz-Erotik.
Blitzlichter, Ansprachen, freundliches Klatschen. Der 82jährige weißhaarige Sir dankte kurz, zog sich bald zurück - "Ein Fotograf soll gesehen werden, aber den Mund halten", räsonierte Newton einst über seine zurückhaltende, höfliche Erscheinung. Diese verschwand Freitag Mittag, Ortszeit, in Hollywood mit einem dramatischen Crash.
Als Newton mit seinem Cadillac sein Winterdomizil, das noble Hotel Chateau Marmont verlassen wollte, verlor dieser Perfektionist des Blickes die Kontrolle über den Wagen. Er prallte frontal gegen eine Mauer auf der anderen Straßenseite. Vermutet wird ein Herzinfarkt. Im Krankenhaus erlag er kurze Zeit später seinen Verletzungen. Ein wenig glamouröses Ende eines überschwänglichen Lebens, mitten im flirrenden Jet Set, eingebettet in die 55-Jahre-Ehe mit Lebensliebe June, pendelnd zwischen Monte Carlo, Paris, Hollywood - und Berlin. Über 1000 Arbeiten stellte Newton 2003 der deutschen Hauptstadt als Dauerleihgabe zur Verfügung, gründete eine Stiftung. Eine lässige Geste der Versöhnung im Alter?
1938 musste der als Helmut Neustädter geborene Sohn jüdischer Eltern aus Berlin fliehen. Sein Vater besaß die größte Knopffabrik der Weimarer Republik, die Mutter war Amerikanerin. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung als Fotograf zog der erst 18jährige alleine nach Singapur, dann weiter nach Australien. Bald schon entschied sich der farbenblinde Fotoreporter für das Modebusiness. 1961 folgte, wieder zurück in Europa, der Durchbruch mit einem Shooting für die französische Vogue, Anfang der 80er Jahre dann der künstlerische mit provokanter Aktfotografie. Newtons strenge Damen brachen in die Museen der Welt ein, machten die glatte Modefotografie reibefähig für die Hochkultur, bescherten Besucher-Rekorde und feministische Protest-Stürme. Dabei inszenierte der Ausnahmefotograf in seinem Werk Frauen als Giganten, mächtige, perfekte, herrschende Göttinnen.
Mehr war es nicht - und schon gar nicht weniger. Trotz allem ästhetischen Pioniertums sah sich Helmut Newton aber immer als Fotograf der "alten Schule". Mit Kunst wollte er nichts zu tun haben - "intellektuelle Diskussionen über meine Arbeit werde ich nicht führen". Wer Ikonen zu schaffen vermag, hat das auch nicht nötig.