Wie real ist die Welt? Was sieht der Affe? Und was ist der Plural von Universalienstreit? Am Semmering hörten Natur-, Kultur, Sozial-, Formal- und Geisteswissenschaftler einander aufmerksam zu.
Der Österreichische Wissenschaftstag behandelte "Weltbilder in den Wissenschaften"
Ein Buch ist wie ein Spiegel: Wenn ein Affe hineinsieht, so kann freilich kein Apostel herausgucken", sagte der Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg. Das mag auch für die Welt gelten - und als Argument für ein vernünftiges Maß an (erkenntnistheoretischem) Subjektivismus.
Wie lesbar ist sie also, die Welt? Während draußen der Pinkenkogel noch völlig mit Nebelschwaden verhangen war (was fürwitzige Physiker zur Frage inspirierte, ob man denn so sicher sein könne, dass er überhaupt existiert), analysierte im Panhans-Saal die Literaturwissenschaftlerin Konstanze Fliedl in ihrem lichtvollen Vortrag den Text "Ein Traum". Lichtenberg führt zunächst wörtlich ein Weltbild vor: Die Erde ist zur mickrigen Kugel geschrumpft, die der Erzähler chemisch analysiert. Dann aber findet er ein Buch, in unbekannter Sprache und Schrift. Lesbar ist nur das Titelblatt: "Dies prüfe, mein Sohn, aber chemisch, und sage mir, was du gefunden hast."
"Der Inhalt eines Buchs ist ja sein Sinn", protestiert Lichtenbergs Erzähler, "und chemische Analyse wäre hier Analyse von Lumpen und Druckerschwärze."
Die Analogie zur Sequenzierung der DNA des Genoms liegt nahe. Kann man ihren Sinn - oder vielleicht gar den Sinn ihres pflanzlichen, tierischen, menschlichen Trägers - entschlüsseln, indem man ihre Basen liest? Dass die "Buch-des-Lebens"-Metaphern nerven, darauf konnten sich wohl alle Fakultäten einigen. Nicht darauf, ob das Wort "lesen" hier berechtigt ist. Schon gar nicht darauf, ob man von Information sprechen kann, die in der DNA steckt und dann, wie die Genetiker sagen, "exprimiert" wird.
Nein!, sagte Marcel Weber, Naturphilosoph in Basel: Es fehle der intentionale Gehalt; man könne die Vorgänge in den Zellen genauso gut kausal beschreiben. Also wies Weber den Realismus streng in die Schranken: "Information gibt es nicht als Bestandteil der Wirklichkeit."
Ganz anders Experimentalphysiker Anton Zeilinger. Wie schon in seinem Buch "Einsteins Schleier" überlegte er live am Semmering: Ist Information der Urstoff des Universums? Der Vorschlag fußt darauf, dass sich eine (quanten-)physikalische Beschreibung der Wirklichkeit in Ja-nein-Entscheidungen ausdrücken lässt. Der radikale Schritt ist die Folgerung von der Beschreibung auf die Wirklichkeit selbst.
Freilich, so Zeilinger: Dass es eine objektive Welt gibt - und der Pinkenkogel nicht verschwindet, wenn man ihn bei Nebel nicht sehen kann -, dafür spreche eine verblüffende, aber in Experimenten überprüfte Tatsache: Es gebe objektiven Zufall. Dass man etwa nicht sagen kann, wann ein radioaktives Teilchen zerfällt, liege nicht nur daran, dass wir es halt nicht wissen, dass uns irgendwelche Variable verborgen sind, deren Kenntnis das Geschehen doch kausal erklärbar machen würde. In der Quantenwelt führe die Konstruktion einer Ursache-Wirkungs-Kette oft zu Widersprüchen.
Seltsamerweise erregte das gerade Kulturwissenschaftler. "Das ist Kapitulation!", rief ein Historiker, während Philosoph Konrad Paul Liessmann zufrieden konstatierte, dass auch der La-Place-Dämon keine Chance mehr hat, die Welt zu determinieren. Und sich, von Zeilingers Zitat "Jede avancierte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" inspiriert, zu einem Ad-hoc-Aphorismus über die eigene Zunft hinreißen ließ: "Jede avancierte Philosophie ist von Mythologie nicht zu unterscheiden."
Die Mythen liebt auch Mathematiker Rudolf Taschner. Und er kennt "das erste Gebot der Quantenphysik: Du sollst dir keine Bilder machen." Gerade deshalb stehe man staunend vor der "unfassbaren Konsistenz von mathematischen Modellen und Wirklichkeit". Die Mathematik als der Sinnlichkeit entkleidetes, keusches Bildmedium?
Ja, aber wie auch Taschner vor einem mathematischen Modell eines Waldes mit Hasen und Füchsen feststellte: "Der Todesschrei des Hasen ist hier in einem Punkt versammelt. Die Wirklichkeit ist anderswo." Auch nicht in den natürlichen Zahlen. "Wir ahnen: Hinter diesen Zahlen war noch etwas. Sie stehen vor uns wie Asche vom Feuer. Aber dieser Zugang ist versperrt. Der Mathematiker kommt immer zu spät."
Und er muss bekennen: "Ich weiß nicht, was die Wirklichkeit ist. Ich weiß nur, dass ich zählen kann." Die Evidenz, die unmittelbare Einsichtigkeit der natürlichen Zahlen ist unschlagbares Vorbild für die gesamte Mathematik. So ist man im Grunde doch wieder bei Kants A-priori-Anschauungsformen der reinen Vernunft angelangt.
Ist ja keine Schande. Es wäre ja auch vermessen, zu glauben, man könnte über 3000 Jahren Philosophie noch wesentlich Neues zum Thema "Wie real ist die Welt?" hinzufügen. So fiel auch dem Philosophen Peter Strasser ungewohnt wenig Überraschendes ein: Er glaubt wie die meisten von uns mit guten Grund, dass die Dinge unabhängig von uns existieren, und nennt das den "ontologischen Überschuss". Die Wirklichkeit sei "das Ziel, dem wir erkennend zustreben". Ein göttlicher Grenzwert sozusagen: Wenn unsere Erkenntnisinhalte nicht noch die Struktur der Erkennenden enthielten, wäre unser Blick wie der Gottes, ein Blick aus dem Nirgendwo.
In der Praxis der Disziplinen, die einander am Semmering begegneten, fragt sich freilich selten, wie wirklich die Wirklichkeit ist, aber doch, wie wirklich - noch pragmatischer: wie sinnvoll - die abstrakten Kategorien sind, die wir in dieser (und mit denen wir diese) sehen. So können sich besonders die Sozialwissenschaften rühmen, dass bei ihnen stets ein kleiner Universalienstreit tobt. Die Juristen, vertreten durch Bernd-Christian Funk, können darüber rechten, wie wirklich - und notwendig miteinander verknüpft - Staat und Recht seien.
Für die Ökonomen ist der Markt ähnlich zentral, freilich, so Manfred Deistler: "Die gleichen Leute, die früher ,Ho-Chi-Minh!' gerufen haben, sind heute Apologeten des freien Marktes." Er plädierte für mehr Empirie und weniger plakative Phrasen la "Der Staat ist immer ein schlechter Unternehmer." Bei den Soziologen ist "System" die umstrittene Universalie: Thomas Luckmann (Konstanz) sprach von "metaphysischem Konstrukt" und hielt fest: "Die wirkliche Welt der Soziologie ist die wirkliche Welt der menschlichen Praxis."
Schon Zeilinger hatte sich im Johannesevangelium (nicht in der Faust-Variante) gefunden: Im Anfang war das Wort. So konnten sich die Sprachwissenschaftler als Vermittler, als praktizierende Dolmetscher fühlen. Ihr Hauptsprecher, Jürgen Trabant aus Berlin, zog aus Eden (wo man noch mit Gott und universal sprach) durch Babel (Verwirrung!) nach Athen (Pfui, diese Barbaren!), und nannte die Sprachen mit Humboldt Repräsentanten für die Verschiedenheit der Weltansichten und mit Leibniz "den besten Spiegel des menschlichen Geistes". Ob in diesen auch ein Affe schauen kann, also ob man auch Schimpansen eine Sprache zuschreiben kann, musste offen bleiben.
Wie so vieles. Den Grenzwert eines Vortrags, der nur erklärt, warum er nichts, zumindest nichts Genaueres sagen kann, führte abschließend mit viel Koketterie Ansgar Nünning, Kulturwissenschaftler in Gießen, vor. Inhaltlicher Höhepunkt: sein Vergleich der Kultur mit "Bauerntopfenauflauf aus der Buckligen Welt auf buntem Fruchtspiegel". Ja, man hatte auch gut gegessen am Semmering! Und endlich lag der Pinkenkogel frei, zur Erkenntnis und zur Besteigung.