In Washington eröffnet das erste nationale Indianer-Museum der USA: Eine 220 Millionen Dollar teure Enttäuschung.
Bemerkenswert im neuen "National Museum of the American Indian" in der US-Bundeshauptstadt Washington ist nicht so sehr, was man sieht. Bemerkenswert ist, was man in dem Museum, das morgen, Dienstag, seine Pforten öffnet, nicht sieht: Kaum Hinweise auf die Massaker der weißen Eroberer und Kolonialisten; wie der Westen der USA besiedelt wurde und Präsident Theodore Roosevelt den Spruch prägte, dass nur ein toter Indianer ein guter Indianer sei; keine Schilderungen der absichtlich verbreiteten Krankheiten, um an das Land der Ureinwohner zu kommen; keine detaillierte Aufarbeitung des Genozid.
Man habe die Indianer nicht als Opfer darstellen wollen, erklärte Rick West, Direktor des Indianermuseums. Die Vielfalt, die Kultur und auch die Probleme, mit denen die Ureinwohner Amerikas heute zu kämpfen haben, sollten nicht überschattet werden von der oft schrecklichen Vergangenheit. Deshalb beschränkt man sich auf einen Absatz auf einer der Plexiglas-Tafeln im vierten Stock, auf denen die Geschichte der Indianer seit 1491 erzählt wird: "Bei den Besiedlungen durch Spanier und Portugiesen wurden 20 Millionen Ureinwohner getötet oder starben durch Krankheiten."
Dieser kurze Hinweis ist nicht die einzige Enttäuschung in dem architektonisch offen und luftig gestalteten Gebäude, das ganz nach indianischen Grundsätzen gebaut ist. Nur 30 Prozent der Fläche ist den Ausstellungen gewidmet, der Rest geht für ein Geschäft, ein Restaurant, die Verwaltung, zwei Veranstaltungs-Säle und das große, beeindruckende Atrium auf.
Auch von dem in den USA sonst üblichen didaktischen Konzept in Museen hat man sich verabschiedet: Exponate hinter Glas, Fotos, Tafeln, kaum etwas zum Angreifen, kaum etwas zum Ausprobieren. Das erinnert an das Naturhistorische Museum in Wien. Bei der Vorstellung der verschiedenen Sprachen der Indianer auf Tafeln kann sich der Besucher per Knopfdruck auf Apache oder Sioux begrüßen lassen. Mit diesem banalen Erlebnis begeistert man sogar in einem kleinen Museum im Bundesstaat Utah die wenigen Besucher.
8000 Kunstgegenstände hat man für das erste nationale Indianermuseum der USA in jahrelanger Arbeit zusammengetragen, darunter Einmaligkeiten wie eine mehr als 500 Jahre alte Goldmaske aus Peru. In der Abteilung "Our Lives" erfährt der Besucher immerhin von der aktuellen Situation der Indianer - wie sie leben, Traditionen pflegen, aber auch Kontroversielles, etwa die Diskussion um Spielcasinos auf Reservat-Gebiet.
220 Millionen Dollar, die Hälfte von privaten Spendern, hat die Smithsonian Stiftung in ihr 18. Museum investiert, das unter intensiver Einbeziehung der verschiedenen Stämme errichtet wurde und nun die Mall nahe des Kapitols bereichert. Am Dienstag zur Eröffnung werden 15.000 Indianer in ihren traditionellen Kostümen erwartet. Insgesamt rechnet man mit sechs Millionen Besuchern pro Jahr.