Blut, Gedärme, Gekröse: Am kommenden Wochenende inszeniert Hermann Nitsch in Prinzendorf sein Zwei-Tage-Spiel zur Gralsthematik. Ein Arbeitsbesuch beim Aktionisten.
Es ist schon spät in Mistelbach. Und die Wahl fällt Hermann Nitsch nicht leicht zwischen Lammrücken, Schwammerl, Garnelen-Spitz. "Haben S' vielleicht einfach ein Paar Würstel?" Als Vegetarier ist er nicht verschrien, Österreichs Künstler mit dem wohl ambivalentesten Image, balancierend zwischen staatstragend und orgiastisch. Doch seine Feinde scheinen mit dem 65-Jährigen zu altern. Wenige Tage vor dem Zwei-Tage-Spiel am Wochenende in Prinzendorf, macht sich die FPÖ nur mehr sorgen, dass "Leute zum Narren gemacht werden". Immerhin - es sollen "keine Tiere geschlachtet und christliche Symbole in keinerlei Weise verspottet werden", fühlt sich Nitsch bemüßigt zu kalmieren. Im Mittelpunkt der 120. Aktion wird die Gralslegende stehen. Als Reaktion darauf, dass Staatsoperndirektor Ioan Holender ihm das Vertrauen für die heuer geplante "Parsifal"-Inszenierung entzogen habe.
Also, die Würsteln. Sie folgen einem langen Nachmittag in Schloss Prinzendorf an der Zaya, das Nitsch 1971 erworben hat. Ein friedliches Idyll in den Feldern, voll Gänsen, Hunden und Katzen. Keine Angst - sein Arbeitsmaterial bezieht der Aktionist ausschließlich vom Fleischhauer. Nitschs Frau schenkt Bio-Wein ein und holt Marillenkuchen. Sein schrilles Pfeiferl, mit dem Nitsch seine Aktionen kontrolliert, sein akustischer und dramaturgischer Taktstock, bleibt in der Tasche. Eine desillusionierende Angewohnheit - eine Orgie auf Pfiff? "Das ist für mich in keiner Weise ein Widerspruch", wundert sich Nitsch über die Frage. "Die Orgie wird halt angepfiffen wie ein Fußball-Match!" Spontanität sei zwar erwünscht, aber "es kann nicht jeder einzelne sein eigenes Stück spielen". Ein altes Leid für Nitsch, dieser Traum von Freiheit des Einzelnen. Immer wieder musste er Schüler und Mitwirkende klagen hören: "Wir wollen doch frei sein, spontan sein". Seine Antwort? Immer die gleiche: "Hörts ma auf mit der Spontanität! Mit der Spontanität beginnt man nicht, mit der Spontanität hört man auf!" Nitsch zitiert den späten Beethoven herbei, den späten Tizian, den späten Bach.
"Ich möchte, dass die Leute durch eine Lebensschule gehen, lernen zu empfinden, auch ekstatisch. Wie beim Fußballmatch, gibt es gewisse Spielregeln." Aber, Orgie, Ekstase, Spontanität hin oder her - "Das allerwichtigste ist mein Kunstwerk", stellt Nitsch klar. "Und wenn es da therapeutische Aspekte gibt, an die ich auch wirklich glaube, dann ist das okay. Aber in erster Linie ist es ein Kunstwerk - und keine Therapieanstalt."
Ein theatralisches Kunstwerk, dessen Relikte nicht vernichtet werden, sondern mit denen im Nachhinein gut Geld gemacht wird. . . "Wenn die Relikte meinen ästhetischen Ansprüche genügen, warum soll ich die Relikte dann vernichten?", fragt Nitsch. "Zwei Drittel werden sowieso weggeschmissen - wenn nicht drei Viertel." Für ihn sind sie wie die Fotografie und der Videofilm Dokumentationsmöglichkeiten. Dabei stellte er die blutigen Gewänder, Bahren und Tücher sogar einmal im Wert über seine eigene informelle "Aktionsmalerei". "Wie ich meine Aktionen immer öfter realisieren konnte, musste ich sehr viel in Schlachthäuser gehen, um das Blut, die Gedärme, das Fleisch, die Kadaver zu erwerben", erzählt Nitsch. "Das, was ich dort gesehen habe, das Blut, das ausgeflossen ist, die herausquellenden Gedärme, die wunderschönen Blumenfarben des Fleisches und des Gekröses, die mit frischem Blut betappten Metzgerschürzen - da habe ich mir gedacht, also eigentlich bist du als Maler ein Stümper. Diese Wirklichkeit übertrifft deine Malerei bei weitem." Damals wandte er sich den Relikten zu. "In dieser Phase habe ich mir gedacht, wenn etwas davon übrig bleibt, dann nicht die Aktionsmalerei, weil die längst nicht so spontan ist."
Heute ist auch die Malerei wieder Teil seiner Aktionen. Am mächtigen Prinzendorfer Dachboden lagern die Leinwände, eine über der anderen, rot, schwarz, gelb. "Die Relikte inspirieren meine Malerei und von der Malerei lerne ich wieder etwas für meine Aktionen. Die Aktionsmalerei ist eine Eingangsphase zu der theatralischen Ekstase. Das ist einmal das Erste, dass man hergeht und aus einem Küberl Blut oder Farbe an die Wand schüttet. Dass der Künstler fast tanzt vor dem Bild. Das Höchste wäre dann der Ausbruch aus dem Ich des Zivilisationsgefüges", beginnt Nitsch zu philosophieren.
Ihn interessiert das Kultische an sich, sinnlich intensive Ereignisse. Ist das ohne Religion nicht leerer Ästhetizismus? "Die Kunstausübung wird von mir selbst als Religion begriffen", doziert Nitsch. "Der Kult ist fast um seiner selbst willen da, meint aber letztlich das Leben und das Sein. Mich faszinieren alle Religionen, aber ich löse mich ab von ihnen. Ein ähnliches Lebensgefühl haben die Secessionisten gehabt, die Jugendstil-Leute, Klimt, der frühe Schönberg, Kandinsky, allen voran Stefan George - für die der Kult keiner Religion mehr gegolten hat, sondern im erhabensten Fall dem Sein und dem Leben selbst."
Brecht, George, Heidegger. Nitsch kommt ins Schwärmen: "Ich bin erzogen worden von Schopenhauer, Nietzsche, Freud und den Existenzphilosophen, Ich habe unheimlich viel gelernt von Husserl, Jaspers, am meisten vielleicht von C. G. Jung. Abgesehen von meinem Studium der asiatischen Philosophie. So bin ich ausgestattet worden von einem kosmischen Weltbild!"
Ein Weltbild, dem man im Gegensatz zu seiner Ästhetik heute immer schwerer folgen kann. "Wer kennt schon alle deine Schriften?", lacht Nitschs Frau. Das Erhabene, das Heilige, der Sieg des Mysteriums über den Tod - Begriffe, die heute fast reaktionär klingen. "Mir macht es oft einen Spaß, Worte zu verwenden, die verpönt sind, um damit gewisse Leute zu reizen", versucht Nitsch zu erklären.
Nur, wer lässt sich von Nitsch heute noch wirklich reizen? Die Blaskapellen, die Nähe zur Folklore, die seit Jahrzehnten von ihm gewohnte Schütt-Praxis. "Vor sechs Jahren ist es hier noch wüst zugegangen", erinnert er sich an sein großes 6-Tages-Spiel. "Immer wieder glaube ich, jetzt ist etwas ausgestanden." Aber immer wieder habe - "prack!" - habe ein Funke alles entzunden. "Ich habe gar nicht den Ehrgeiz, dass irgendein objektiver Kunstkritiker herkommt und sagt - das ist dieses Werk, das passt genau in unsere Zeit! Ich bin gerne bereit, meine Breitseiten zu zeigen, ich bin gerne bereit mich dafür schimpfen zu lassen, würde mich aber trotzdem freuen, wenn man meiner Arbeit eine gewisse Intensität abgewinnen könnte."
Dass seine Arbeit ästhetisch heute leicht zu konsumieren scheint, irritiert Nitsch aber doch. "Das ist neu für mich. Da habe ich ja immerhin schon etwas erreicht. Nur, dann sind die Jüngeren ein bisserl undankbar", klagt Nitsch: "Endlich kapiert man die Form meiner Arbeit und schon ist es wieder altmodisch!" Andere Formen des Altmodischen meidet der Meister: Seit er sie kenne, erzählt seine Frau, verspreche er ihr, sie einmal zu porträtieren - "Nie hat er es getan!" Es passt einfach nicht in seinen Mythos. Das Los, streng bei seinem Konzept zu bleiben, teile er schließlich nicht mit den Geringsten der Kunstgeschichte: "Rembrandt malt das Hell/Dunkel, C©zanne malte die Äpfel, Grünewald die Kreuzigung." Alles Alte Meister! Vielleicht ist gerade diese Art von Konsequenz das Unzeitgemäßeste an Hermann Nitsch. "Ich muss doch nicht alles machen, was die anderen machen", sagt er, außerdem sei sein Wirkungsfeld so eng auch wieder nicht abgesteckt. Fotos, Videos, Malerei, Aktionen. Wenn das jemand anders sehe, müsse er das eben hinnehmen. "Jeder Maler hat seinen Kosmos gehabt", sinniert der Aktionist, "was ich mache, ist eine Seismographie meines Welterlebens. Ich bin halt der Künstler von Fleisch und Blut."