1938 - 2024

Kulturwissenschaftler Jan Assmann gestorben 

Jan Assmann wurde 85 Jahre alt
Jan Assmann wurde 85 Jahre altAPA / dpa / Silas Stein
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Der Ägyptologe und Religionswissenschaftler Jan Assmann starb nach langer Krankheit im Alter von 85 Jahren. Mit seinen religionswissenschaftlichen Arbeiten hat er immer wieder für Furore gesorgt.

Der deutsche Ägyptologe, Kultur-und Religionswissenschafter Jan Assmann ist in der Nacht auf Montag im Alter von 85 Jahren nach langer Krankheit in Konstanz gestorben. Eine Sprecherin der Universität Heidelberg bestätigte am Dienstag eine Meldung des „Südkurier“. Die Universität stehe in Kontakt mit der Familie und habe die Nachricht von Assmanns Familie erhalten, so die Sprecherin. Assmann zählte international zu den bekanntesten deutschen Geisteswissenschaftern und sorgte mit seinen religionswissenschaftlichen Arbeiten und Büchern immer wieder für Furore.

»Ich bin nicht gläubig, aber religiös. Weil ich Religion als etwas zutiefst Menschliches empfinde.«

Jan Assmann

„Ich bin nicht gläubig, aber religiös. Weil ich Religion als etwas zutiefst Menschliches empfinde“, sagte der einmal der „Presse“. Debattiert wurden etwa seine Thesen zum Monotheismus: Dessen Anfänge sieht er im Auszug der Israeliten unter Moses aus Ägypten. Damit sei in der Religion die Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ in die Welt gekommen – mit fatalen Folgen vor allem später im Christentum und im Islam.

Von 1976 bis 2003, als er emeritiert wurde, lehrte er als Professor für Ägyptologie in Heidelberg. Assmann beschäftigte sich vor allem mit der Religionsgeschichte und den Todesvorstellungen im Alten Ägypten, aber auch mit mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Grundfragen.

Entdeckung einer Grabstätte im Tal der Könige

Später war Assmann Honorarprofessor an der Universität Konstanz, wo seine Frau Aleida Assmann Professorin für englische Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft war. Das Paar wurde 2018 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Jan Assmann war Vater von fünf erwachsenen Kindern. Assmann widmete sich aber auch der klassischen Musik. Die Liebe zur Musik prägte seine jungen Jahre. Als Schüler komponierte er eigene Stücke. Eine Musikerkarriere wurde aber durch die von ihm teils traumatisch erlebten Umstände im Krieg und danach ausgebremst.

Aber auch die alten Sprachen, insbesondere die Keilschrift und die Hieroglyphen, besaßen für den „altklugen jungen Mann“ – so sah Assmann sich selbst – eine magische Anziehungskraft. Gegen den Wunsch der Eltern, er solle die klassische Archäologie der „brotlosen Kunst“ der Ägyptologie vorziehen, entschied der Architektensohn sich für das Studium des „Orchideenfachs“ in Heidelberg. Mit großem Erfolg: Zu den Höhepunkten seiner ägyptologischen Karriere gehört die Entdeckung einer Grabstätte im Tal der Könige.

Begriff des kulturellen Gedächtnisses

Einst hatte die Liebe zum Zeichnen Assmann und seine Frau zusammengebracht: Auf dem Hochzeitsfest von Jan Assmanns Mentor kamen sie ins Gespräch. Er bewunderte ihre Bilder für die Feier und punktete bei ihr mit einer Ballade samt Bildern. Mit 21 Jahren gab Aleida dem neun Jahre älteren Jan das Ja-Wort - 1968 - auf dem Zenit der Studentenbewegung - ein in Intellektuellenkreisen unüblicher bürgerlicher Akt.

Die Assmanns analysierten, erst 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg habe in Deutschland die Erinnerung an den verdrängten Holocaust eingesetzt. Ausgelöst worden sei die Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte durch die Rede von Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985. Von Weizsäcker bezeichnete als erster deutscher Bundespräsident den Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht als Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der Nazi-Gewaltherrschaft - nicht als Tag der Niederlage. Das war das Startsignal für Denkmäler und Gedenktage - die Vernichtung der Juden durch die Nazis wurde prägender Teil des kollektiven Gedächtnisses der Deutschen.

2022 verlieh die Österreichische Forschungsgemeinschaft (ÖFG) ihren Wissenschaftspreis an Assmann. Heinrich Schmidinger, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der ÖFG, würdigte dessen „interdisziplinäres Denken auf dem Gebiet der Geistes- und Kulturwissenschaften, das diesen Namen in jeder Hinsicht verdient“, und dessen „kulturelles und gesellschaftliches Engagements, das dem Geist höchster Wissenschaftlichkeit entspringt“. (APA/dpa)

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