Luc Bondy: "Wir nehmen die Josefstadt!"

Festwochen-Intendant Luc Bondy und Schauspiel-Direktorin Marie Zimmermann im Gespräch über Kunst, Diskurse, Gelder - und eine Idee zur Rettung der Josefstadt.

Die Presse: Durch die tektonischen Verschiebungen in der Wiener Kulturlandschaft wirken die Festwochen derzeit etwas marginalisiert. Ist das auch Ihr Eindruck?

Luc Bondy: Wir sind viel zu selbstbewusst, um das so zu empfinden. Aber der Wegfall der Bundesmittel ist nicht vollständig ersetzt worden. Es war eine mühsame Anstrengung, ein Programm im gewohnten Umfang zu realisieren. Wir fragen uns schon, wie wir das 2005 hinkriegen sollen.

Die Stadt Wien hat sehr viel Geld für Ronacher und Theater an der Wien in die Hand genommen. Das verschiebt die Gewichte.

Bondy: Da kann ich nur zustimmen. Es ist wahnsinnig, wie viele Mittel da zusammenkommen. Ich hoffe und spüre auch, dass Geyer (Intendant des Theaters an der Wien, Anm.) mit uns kooperieren will. Wenn er und ideenreiche Leute wie St©phane Lissner (Festivaldirektor in Aix-en-Provence, ab 2005 bei den Festwochen) zusammenkommen, ist das gut. Wir müssen reden, was wir gemeinsam machen können. Ich finde es gut, dass das Theater an der Wien zum Opernhaus wird und nicht alles Geld für Musiktheater in Wien Ioan Holender (Staatsopernchef) zufällt.

Marie Zimmermann: Seit 1998 ist der Festwochen-Zuschuss gedeckelt. Das heißt im 6. Jahr weniger Geld. Uns fehlen 7 bis 10 Prozent, um das künstlerische Niveau, das breite theatralische Spektrum halten zu können. Wir sind im Würgegriff der Re-Politisierung durch den Bund, der uns Mittel entzogen hat.

Wie reagieren Sie darauf?

Bondy: Für 2005 können wir noch nicht richtig planen, da fehlt uns noch Geld. Aber bei Bürgermeister Häupl bin ich optimistisch. Ich habe das Gefühl, er ist uns zugewandt.

Beeinflusst das Mozart-Jahr auch Ihr Programm?

Bondy: Im Musikbereich schon, ohne dass ich viel dazu sagen konnte. Das ist aber normal. Das Mozartjahr macht ein tolles "Geschäft" mit uns. Wir steuern drei neue Produktionen zum Programm bei, die auch international präsentiert werden: Zauberflöte, Cos¬ fan tutte und ein drittes Werk. Für Zauberflöte will ich einen hochrangigen Regisseur finden, der überraschen wird. Den Namen kann ich nicht nennen, weil wir noch verhandeln.

Viel Geld wird von der Stadt Wien ins Musical gesteckt. Finden Sie das richtig?

Bondy: Es fällt mir schwer, zu antworten und ist mir eigentlich auch egal. Musical, Entertainment brauchen eine Hintergrund-Kultur. Ob Wien die hat, bezweifle ich. Es gibt hier beinahe so etwas wie einen Komplex, super-international zu sein, wie am Broadway. Aber der ist ja im Niedergang. Die Stadt erhofft sich Einnahmen vom Musical. Jemand wie Holender, der Rückhalt vom Bund hat, kann schimpfen. Das ist aber sicher nicht produktiv. Wenn man sieht, wie viele neue Intendanzen und Über-Intendanzen in Wien derzeit besetzt werden, kann man gewisse Ratlosigkeit konstatieren, eine Tendenz zur Bürokratisierung. Was strahlt aber über Wien hinaus, wird international wahrgenommen? Die Festwochen.

Zuvor gab es fürs Internationale noch Peymann. Geht er Ihnen ab?

Bondy: Er war sehr stark für das Burgtheater. Aber ein Staatstheater und ein Festival kann man nicht vergleichen. Heute ist jeder Intendant auf der Suche nach dem Neuen. Das Feuilleton verlangt das, nicht immer hingegen das Publikum. Der Markt erfindet immer wieder und lässt fallen. Wir können bis tief nach Sibirien oder Japan auf die Suche gehen. Unsere Kontinuität ist der Dialog mit den Künstlern, der Erfolg liegt in der Konzentration. Hätten wir einen ganzjährigen Spielbetrieb, hieße es wohl bald: Ach so, die gibt es ja auch noch. Das Burgtheater wäre nichts für mich.

Sie könnten aber die Josefstadt retten.

Bondy: Ich hätte schon eine Idee. Die Josefstadt könnte effektiv den Festwochen zukommen. Wir machen dafür dort ein Programm von April bis Juli. Dafür würde ich für das restliche Jahr dort mitplanen. Man sollte einen interessanten Ort entwerfen, der viel mit Österreich zu tun hat. Man muss mich nur fragen! Aber das tut keiner.

Was erwartet uns noch von den Festwochen unter Ihrer Leitung?

Bondy: Wir schützen und entwickeln Projekte und Künstler, die es in einem Normalbetrieb viel schwerer hätten. "Forum Festwochen" z. B. hat einen explorierenden Charakter. Da habe ich Arbeiten und Künstler, zum Beispiel aus Osteuropa, kennen gelernt, von denen ich noch gar nichts wusste. In den vergangenen Jahren wurde eine Koproduktion der Festwochen als "Aufführung des Jahres" ausgezeichnet. Das ist nicht genug betont worden, aber seit ich hier bin, ist es so. Peter Sellars, Peter Zadek möchten ihre großen Vorhaben mit uns entwickeln. Dazu kommen meine eigenen Inszenierungen, die von hier ausgehen. Wir kaufen nicht nur ein, sondern präsentieren unsere Produktionen auch im Ausland. Das will ich verstärken.

Es gibt den Vorwurf, dass die Festwochen eine Zweigstelle für Leute wie Lissner sind.

Bondy: Der Vorwurf ist falsch. Es besteht eine starke Wechselwirkung. Die meisten Projekte, die er plant, werden in Wien entstehen, nicht in Aix en Provence.

In welche Lücken sollen die Festwochen vorstoßen?

Zimmermann: Wir sehen uns nicht als Lückenbüßer. Die Lücke ist kein besonders kreativer Ort. In der Wiener Theaterlandschaft sind die Festwochen der einzige Ort, wo die große Gemeinde der Wiener Theaterenthusiasten eine gemeinsame Plattform findet. Deshalb habe ich mich stets von der Schnapsidee distanziert, man solle das Musikprogramm von den Festwochen splitten.

Bondy: Oper ist für uns sehr interessant. Die Koproduktionen, die Lissner mit viel Energie präsentieren wird, sind für uns besonders gut. Jetzt schon haben wir drei Projekte, die im Garnier, im Barbican, im Lincoln Center verkauft sind. "Cos¬ fan tutte" ist ohne diese Koproduktionen nicht denkbar. Es wäre nicht zu finanzieren.

Sie haben auch, wie viele Veranstalter heutzutage, die Diskurs-Schiene forciert. Zeigt das nicht ein Misstrauen gegen die Kunst an sich?

Bondy: Gute Frage. Das ist ein tiefes Zeichen für Misstrauen. Kunst, die nur diskursiv gestützt ist, ist reinstes Insidertum. Im Kino wäre das undenkbar.

Avantgarde, oder was sich so nennt, kam eine Zeit lang ohne Bourdieu-Symposium nicht aus.

Bondy: Das ist in der Tat besonders ärgerlich, was Bourdieu betrifft. Wenn ich da an seinen ästhetisierenden Artikel zum 11. September denke, der zählt zum Ärgerlichsten, was je erschienen ist.

Zimmermann: Wenn doch wenigstens die vielen Diskurse dazu geführt hätten, dass man Bourdieus Bücher liest, wär' die Welt schlauer.

Bondy: Nein. Dann wäre man bloß in Ästhetisierung verhaftet.

Mit Ihrem Diskurs haben Sie, vor allem 2003, politisch Flagge gezeigt.

Zimmermann: Unsere Diskussionsveranstaltungen zur neuen Rolle des alten Europa bezogen sich auf eine aktuelle politische Situation, nicht auf ein Werk. Ihren politischen Anspruch machen die Künste am besten aus sich heraus plausibel. Ich denke an Sellars "Kinder des Herakles" - die Aufführung ist im Mai im Parlament zu sehen. Das ist ein energisches Statement, auch nach dem 11. September die Menschenrechte nicht dem Diktat der Sicherheit preiszugeben.

Bondy: Wir haben zwei Herkules-Stücke. Der tote Held und der sterbende Held. Was passiert, wenn es keine starke Figur mehr gibt?

Was empfehlen Sie heuer einem Besucher, der nur ein Wochenende Zeit hat?

Bondy: Ich zeige eine eigene Inszenierung und würde sagen, gehen Sie da hin. Aber das darf ich ja nicht machen. Die Festwochen sind für mich gesund, weil ich gezwungen bin, mich mit Neuem auseinander zu setzen. Regie altert schnell. In meinem Alter von 56 wirkt es auf heilsame Weise masochistisch, wenn man auf Aufführungen und Projekte neugierig gemacht wird, die jenseits der eigenen künstlerischen Vorstellung liegen. Beim Theater gibt es ständig Reibung. Ich hoffe, dass wir weitermachen können, auch was die Diskussion über die Finanzen betrifft.

Bei Einschränkungen wird Wien Luc Bondy also nicht halten können?

Bondy: Genau. Wir brauchen Planungssicherheit. Wenn der Kampf mit den Zahlen wichtiger würde als die inhaltliche Arbeit an einem hochrangigen künstlerischen Programm, wäre mir das zu anstrengend.

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