Einwurf

Wo bleibt die Vernunft der Sprache?

Kritischer Journalismus sollte die Leserinnen und Leser als vernünftige und verantwortliche Subjekte ansprechen.

Manche Anfangssätze hasse ich. Nicht diesen hier, der kraftvoll ist und aufweckt, sondern jene, die einlullen und das Denken lähmen. (Natürlich hasse ich nur bestimmte Sätze, nicht die Autoren oder Autorinnen. Diese Bemerkung scheint angebracht zu sein, weil das weichgespülte Denken ja doch zu harten Verurteilungen fähig ist.) Ich meine jene typischen Sätze, welche die Leser dort abholen wollen, wo sie vermeintlich sind, und Allgemeinplätze verbreiten und auch noch verbreitern, sie sprachlich austrampeln. Zum Beispiel: „Die künstliche Intelligenz ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken.“ Oder: „Der wissenschaftliche Fortschritt bringt neue Risiken, aber auch große Chancen.“ Oder: „Ohne Smartphones ist unser Leben heute nicht mehr vorstellbar.“ Wer das schreibt, leidet nicht nur an einem Mangel an Fantasie oder an Gedächtnisverlust, sondern mutet dasselbe auch noch mir, dem Leser, zu. Ich erinnere mich sehr wohl, fast dreißig Jahre meines bewussten Lebens ohne das Ding überlebt zu haben. Allein mit meiner natürlichen Intelligenz.

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Sprache hat andere Funktionen außer der Vorgaukelung eines übergriffigen „Wir“, worin die Adressaten, ohne eigene Denkanstrengung aufgenötigt zu bekommen, sich sicher fühlen können, und worin paternalistische Ermahnungen, psychotherapeutische Kommunikation und Moralpredigten funktionieren. Die menschliche Sprache hängt so sehr mit der Vernünftigkeit zusammen, dass die alten Griechen für beides ein und dasselbe Wort verwendeten: logos. In diesem (mindestens) doppelten Sinn definierte Aristoteles den Menschen als das Lebewesen des Logos, und zwar bezeichnenderweise in seiner „Politik“.

Viele andere Philosophen ergänzten und erweiterten dieses Grundverständnis. Ein Wesen, das als Geist im Leib existiert, und zwar zusammen mit anderen, in einem geistigen Lebensraum, ist für sein Weltverhältnis auf Sprache angewiesen und hat auch eine Mitverantwortung für die welterschließende Kraft der Sprache. Solche Sorgfaltspflichten beginnen weit vor dem Verbot von Lügen, Herabwürdigung oder Manipulation. Für Menschen, deren Beruf sprachliche Kommunikation ist, mag das in besonderem Maße gelten. 

Es wächst kein kritisches Gras

Die Existenz als geistige Wesen ermöglicht uns, das Vorgefundene, wie uns die Welt jeweils erscheint, infrage zu stellen. Ist die Wirklichkeit in einer bestimmten Hinsicht wirklich so, wie sie mir gerade erscheint? Erscheint mir vielleicht nur eine Teilansicht, gibt es andere und womöglich wichtigere Perspektiven, die ich auch in der Auseinandersetzung mit anderen entdecken kann?

Hinzu kommen kritische Fragen auf der normativen Ebene: Ist das, was sich zeigt, auch gut so? Sollte hier oder dort nicht etwas sein, was tatsächlich aber fehlt? Geht der „common sense“ nicht immer wieder in eine Richtung, die manchen Menschen oder Minderheiten schadet? Werden herrschende Verhältnisse oder Machtpositionen durch sprachliche Ver­einnahmungen, mitgelieferte Be­wertungen usw. vor Widerspruch immunisiert und befestigt? Wo und wie werden evaluative Behauptungen als Tatsachenfeststellungen verschleiert? Welche Sprachregelungen und Gewohnheiten verdecken oder entmutigen kritische Fragen und engen den Handlungsspielraum ein? 

Guter, das heißt kritischer Journalismus sollte die Leser und Leserinnen als vernünftige und verantwortliche Subjekte ansprechen – vom ersten Satz an. Auf den ausgetrampelten Allgemeinplätzen sprosst kein kritisches Gras mehr.

Markus Riedenauer leitet den Lehrstuhl für Philosophische Grundfragen der Theologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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