Ausstellung: Elke Krystufek wird überleben

Eine Ausstellung und ein Buch für die Bawag Foundation zeigen Elke Krystufeks neueste Entwicklung - weg von ihrem Körper, hin zum System.

Nein, sie wollte nie Tabus brechen. Wirklich. "Im 21. Jahrhundert Tabus brechen zu wollen wäre vollkommen out of date", sagte Elke Krystufek einmal richtig. Also sahen wir uns, so beherrscht wie möglich, ihren Körper an. Von allen Seiten, in allen Stellungen und Perioden. Aus nächster Nähe und zu nahe, in Performance, Video, Malerei, Fotografie, Collage. Und der Kunstmarkt sah, dass es gut war. Seit ihrer legendären Masturbations-Show 1994 ist die 1970 geborene Selbstdarstellungs-Universalistin Österreichs schrägster Star-Export. Auf den Kunstmessen prangen ihre exhibitionistischen Selbstporträts, 2003 versammelten sie sich zur Retrospektive in der Sammlung Essl. Zaghaft fragte man sich: Und jetzt? Totale Ausbeutung einer erfolgreichen künstlerischen Taktik bis zur hohlen Trademark?

In der Bawag Foundation wird man diesbezüglich beruhigt: Nach dem peniblen Studium ihrer eigenen Struktur wandte sich Krystufek 2003 der Struktur ihrer Umgebung zu. Für die Künstlerbuch-Reihe der Bank entstanden 115 Collagen, die sich teils humoristisch, teils kritisch - aber immer irgendwie liebevoll - mit dem Gegensatz Arm und Reich beschäftigen, was sich anhand der Machtverhältnisse im Kunst und Lifestyle-Betrieb recht pointiert darstellen lässt.

Gleich vom Buch-Cover starrt also nicht wie sonst Krystufek selbst, sondern, man erahnt sie allerdings nur, Claudia Schiffer. Der Soundtrack umschwebt zittrig das expressiv gestrichelte Blondgesicht: "First I was afraid" - und schon scheppert Gloria Gaynors Disco-Klassiker "I'll survive" auf unserem inneren Plattenspieler los - "You think I crumble", "You think I die" . . . Und los geht's, Blatt für Blatt tiefer ins bunte Gewirr aus Magazin- und Text-Ausschnitten. Ohne Pause, im Quer- wie Hochformat.

So ganz ohne Selbstporträts kommt Krystufek aber nicht aus. Eines der anspielungsreichsten Blätter zeigt sie bei einer Performance als schwarze Ritterin verkleidet mit ihrem Galeristen Georg Kargl in die Kamera ihrer Mutter lächeln. Daneben Sängerin Beonc© Knowles mit schwarzem Bodyguard. Dahinter pinselt eine Restauratorin an Gottes weißem Bart herum. Wer darf hier wen beschützen? Ein andermal projiziert sie sich nackt ins Schlafzimmer von Mode-Dandy Wolfgang Joop, ganz nach dem Buch-Titel: "The rich visit the poor, the poor visit the rich". Etwas plakativ illustrierend dazu eine Indio-Frau mit Kind im chicen Apartment.

Glatte Werbe-Ästhetik versetzt Krystufek mit den auf Individualität bedachten Persönlichkeiten aus der Kunstszene: Mumok-Direktor Edelbert Köb und Franz West lehnen an der weichen Wange eines Rasierschaum-Models. Maria Lassnig, Boris Groys werden zu Werbeträgern für Designer-Brillen. Galerist Thaddaeus Ropac posiert in einem Bilderrahmen, den Krystufek von einem Zitat des Cherokee-Aktivisten und Künstlers Jimmie Durham umfließen lässt - eindeutig ihr Lieblings-Stichwortgeber. Daneben wilderte sie in Büchern wie Chomskys "Media Control" und Susan Sontags "Regarding the Pain of the Others". Gewissenhaft werden die Quellen in einem Index aufgeschlüsselt. Entzaubert wird das giftig-intime Buch auch etwas in der Ausstellungshalle der Bawag, wo 31 Collagen aufgeblasen zu Werbeplakat-Größe den Konsum erleichtern. Aber, um mit Gloria Gaynor zu enden: Wir fürchten uns nicht mehr. Denn Elke Krystufek wird überleben. Schließlich hat sie einmal versprochen: "Ich denke, dass Kunst wie ein Orgasmus ist, aber wenn sie nur schlechter langweiliger Sex ist, dann werde ich es nicht tun."

Eröffnung: Heute, Dienstag, 18h, Tuchlauben 7a, Wien 1. Performance "The naked Conference": Morgen, Mi., 30. Juni, 19h.

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