Interview: Hey! Echtzeit!

Am Freitag eröffnet Stella Rollig ihre erste Ausstellung als Direktorin des Linzer Lentos mit Bildern aus dem Gefängnis. Ein erstes Abtasten.

Für einen Tag nur wird die Installa tion des britischen Künstlers Darren Almond im Lentos vollkommen sein: Zur Eröffnung am Freitag, wenn im abgedunkelten Obergeschoß des Museums die fünfte der überlebensgroßen Projektionsflächen eine Art Schwelle öffnen wird - in eine (leere) Zelle der Linzer Justizanstalt. Die Live-Übertragung von Bild und Ton ist eben nur für wenige Stunden finanzierbar.

Dann wird auch die monströse analoge Digitaluhr im ersten Raum Sinn haben - "Hey! Echtzeit!" scheint sie zu rufen, während ihre Motorik gemächlich klappert, um neue Zeiten auf ihrem Anti-Display aus schwarzen spiegelnden Brettern zu formen.

Neue Zeiten sind im Lentos angebrochen, dem - mit dem Bregenzer Kunsthaus - wohl schönsten Museumsneubau Österreichs der Nachkriegszeit. 130.000 Besucher wollten es schon im ersten Jahr sehen. Jetzt tritt Medienkunst-Spezialistin Stella Rollig (43) das Erbe von Peter Baum an, der nach 30 Jahren Museumsarbeit in Pension ging. Kein leichter Übergang scheint das zu werden; die Stimmung wirkt leicht frostig.

Als der Wiener Kunsthandel Baum vor zwei Wochen den "OscArt" verlieh, ließ Hermann Nitsch in der Laudatio Bedenken anklingen, ob die an Malerei, Fotografie, Skulptur orientierte Lentos-Sammlung weiterhin in guten Händen sei. Rollig versteht diese Sorge - sie sei nur falsch. "Ich habe eben keine Geschichte als Museumsarbeiterin, sondern als freie Kuratorin. Aber ich bin sehr wohl in der Lage, dem Aufgabengebiet entsprechend zu arbeiten."

Ihren Kunstbegriff werde sie freilich nicht aufgeben - was sich fruchtbar auf das Lentos auswirken kann, wie die Eröffnungs-Schau zeigt: Auf der einen Museums-Seite noch die klassisch gehängte Abschieds-Präsentation von Baum mit Schwerpunkt Expressionismus, gegenüber die exaltierte Almond-Installation. Ein ziemlich guter Gegensatz! Im Keller noch der Einblick in das poetische Fotoarchiv vom Wiener Künstlerpaar Hanna Schimek und Gustav Deutsch.

Auch in Zukunft wird Rollig die Sammlung "nicht ins Kammerl sperren", versichert sie: Die Ausstellung "Paula's Home" ab Oktober, eine feministische Antwort auf die Eröffnungs-Werbekampagne des Lentos ("Andie's Home", "Egon's Home"), zeigt Werke von Künstlerinnen aus der Sammlung. Mit Paula ist übrigens Modersohn-Becker gemeint. Auch in ihren Ankäufen will Rollig einen Schwerpunkt auf Frauen legen. Ab 2005 jedenfalls. Denn: "Im Einvernehmen mit Peter Baum verfügt er noch über das gesamte heurige Ankaufsbudget", erzählt Rollig. "Er hat mich darum gebeten, und wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ich habe nicht diesen Besitzdrang, dass ich gleich loslegen muss und genau rechne, wie viel Budget mir zustehen würde."

Bei ihrer Recherche für "Paula's Home" wurde die Neo-Direktorin überrascht: "Wie manche Leute Vorurteile gegenüber mir haben, haben andere Vorurteile gegenüber Peter Baum. Und die glauben, dass die Sammlung in den 50ern zum Stillstand gekommen ist. Das stimmt nicht! Es gibt viel Zeitgenössisches - etwa von Jutta Strohmaier, Barbara Holub, Ilse Haider, Irene Andessner."

Neue Medienkunst, wie Rollig ankündigt, findet sich hier aber - noch - wenig. Wird das Oberlichtenmuseum in Zukunft zur Black Box verdunkelt werden? "Es ist die Realität, dass Künstler heute auch mit Projektionen und Monitoren arbeiten. Da müssen wir die Räume schon ein bisschen adaptieren", überlegt Rollig. Und beruhigt: "Aber es wäre sinnlos, in die schönen Räume schwarze Kisten einzubauen. Ich habe ja noch ein Untergeschoß." Die Molino-Stoffbahnen, die zurzeit das Tageslicht von Almonds Gefängnis-Projektionen abhalten, können ja auch wieder eingerollt werden.

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