In der Halle der Wiener Privatsammlung Volpinum wird der deutsche Maler Helmut Pfeuffer vorgestellt. Eine Überraschung.
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unst muss heute superflach sein, gellt Takashi Murakami, der zur Zeit angesagteste japanische Maler- Meister, durch Museen der Welt wie World Wide Web. Superintellektuell hatte sich Kunst in den sechziger und siebziger Jahren zu geben, voll Konzept, leer an Dramatik. In den Achtzigern dann revoltierten die "Jungen Wilden" mit Tonnen von Ölfarben und wüsten Pinselhieben gegen das Establishment. Der Kunstmarkt feierte einen neuen Boom - doch natürlich war die Malerei nie tot.
Die Väter-Generation der in den fünfziger Jahren geborenen "Neuen Wilden" schlitterte - außer einigen Malerfürsten wie Baselitz, Lüpertz, Immendorff - schnell ins mediale Out. Zu Beginn ihrer Laufbahnen malten sie noch gegen den Trend - dann wurden sie von den Jungen überrollt.
Der 1933 in Schweinfurt am Main geborene Helmut Pfeuffer ist eine dieser Entdeckungen für Österreich, von denen in Deutschland noch viele warten, wie man auf lokalen Kunstmessen immer wieder erstaunt erkennen muss. Das in Wien lebende deutsche Sammler-Ehepaar Andra und Ernfried Fuchs hat aus seiner Frühzeit einen ganzen Fundus an Künstlern ihrer Heimat aus dem breiten seriösen Mittelfeld mitgebracht. Pfeuffer, den die Sammler zur Zeit in ihrem Ausstellungsraum "Volpinum" - vom lateinischen "volpes" (Fuchs) abgeleitet - zeigen, ragt mit seiner kraftvollen Malerei allerdings aus dieser Masse heraus. Dennoch erreichte er nie die Spitze, teilt das Schicksal der Väter, die im Zuge der "Neuen Wilden"-Welle zu Mitläufern degradiert wurden.
Konsequent hat sich der in Nürnberg und Stuttgart geschulte Maler an seinen Themen und Vorbildern abgearbeitet. In seine annähernd quadratischen Bilder spannt er Körper und Landschaften, verkeilt sie ineinander zu Körperlandschaften und Landschaftskörpern. Die Spannung ist fast körperlich spürbar. Ähnlich wie sein Landsmann Georg Baselitz verfremdet Pfeuffer seine Figuren gern, indem er sie auf den Kopf stellt. Allerdings nicht aus manieriertem Selbstzweck, sondern als erzählerisches Element. Den Sturz, das Stürzen erfasst Pfeuffer in seinem ganzen dramatischen Wirbel. Ob ein geschlachteter Stier, Lilith, Titan, ein Liebespaar oder eine Akrobatin. Alle scheinen gewaltig den Halt zu verlieren, kippen aus der Achse, um in einen Strudel aus Flächen und Farben zu geraten. Eine ordentliche Portion Pathos ist den großen Formaten und groben Figuren dabei nicht abzusprechen. Durchaus gewollt, wie die Serie "Pathetische Figuren" nahe legt.
Anhand der insgesamt 14 ausgestellten Ölgemälde, die meisten Leihgaben aus Deutschland, kann die stilistische Entwicklung Helmut Pfeuffers von 1967 bis 2002 ziemlich lückenlos nachempfunden werden. In ihrer Befangenheit fast komisch wirken die frühen Arbeiten aus den 70er Jahren, in denen Francis Bacon unverschämt sein Unwesen treibt. Ein modernes Stillleben mit ausgeweidetem Stier erinnert dagegen frappant an Oskar Kokoschka - very rotten. Überhaupt sieht Pfeuffer sich der expressiven österreichischen Tradition mehr zugetan als der deutschen. Ein wenig Schiele lässt sich in mancher gespreizten Handhaltung - vor allem in den Zeichnungen - erschnuppern, auch Richard Gerstls schillernd-brutale Selbstentblößung ist zu spüren. Gemeinsam mit den "Neuen Wilden", Anfang der Achtziger, war dann auch Pfeuffers eigenständiger Stil voll entwickelt: neoexpressiv, nur leider - falscher Jahrgang.
Aus der Nähe betrachtet ist diese kraftvolle Welt aus Passion und Pathos völlig in Ordnung. Satte Farben und breiter, skizzenhafter Strich lassen die Formen im Detail zwischen abstrakt und gegenständlich schlingern - dieses gelungene Spiel ist mehr erwartete Pflicht als Kür. Nur, es irritieren zwischen den gedämpften Farben einige ungewohnt grelle Linien. Sie rastern vergleichsweise hart die unruhigen Flächen - und aus der Entfernung wird plötzlich klar: auch hier regiert schon superflach.
Bis 17. April. Do.-Sa. 14-18 Uhr.