Heute eröffnet die Albertina die erste museale Einzelausstellung des Leipziger Star-Malers Neo Rauch. Seltene Gelegenheit für ein Gespräch über seine Scheu vor Fotos, die deutsche Larmoyanz und die USA.
Die Presse: Woher nehmen Sie den Stoff Ihrer so seltsam undurchsichtigen, verrätselten Bilder? Malen Sie nach Fotos?
Neo Rauch: Hier kommt nichts von Fotos. Dieses Verfahren grenze ich radikal aus meiner Arbeit aus. Ich glaube, dass sich die Mühsal, die in dem Selbstgeschaffenen mitschwingt, auf den Betrachter überträgt und die Arbeiten aus der Gefahr einer gewissen Vorwitzigkeit herausführt, die mich an vielen heute so üblichen, elegant arrangierten Versatzstück-Künstlichkeiten so stört. In meinen Bildern geht es um das Verwobensein aller Dinge miteinander, im Mikro- wie im Makro-Kosmischen.
Sie verschmelzen also eine innere und eine äußere Bildwelt. Dazu haben Sie einmal Caspar David Friedrich zitiert.
Rauch: Ja, ein wundervoller Satz. "Du sollst malen was du vor dir siehst und was du in dir siehst. Wenn du aber nichts in dir siehst, sollst du auch nicht malen, was du vor dir siehst." - das ins Stammbuch unserer Fotos abpinselnden jüngeren Kollegen geschrieben. Es gibt sehr viel überflüssige Malerei, die ohne inneren Druck entsteht, die ihre Entstehung den Erwartungshaltungen des Marktes verdankt. Mich rührt viel mehr an, wenn ich merke - oh, der hat hier versucht ein Automobil zu malen und er hat es aus der Vorstellung getan. Es ist ihm vielleicht nicht optimal gelungen, aber das macht das Bild liebenswert.
Lieben Sie Ihre Bilder?
Rauch: Ich bin mit ihnen eng verwandt und stehe damit im Kontrast zu einer seit den 90ern landläufigen Kunstauffassung, die darauf abzielte, die Autorenschaft in den Hintergrund zu drängen - bloß nicht persönlich werden. Für mich aber ist die Autorschaft das Wesentliche. Liebe . . . Schopenhauers Definition wäre Mitleid. Darauf könnte man sich verständigen.
Ihre Bilder scheinen in ihren gedeckten Farben, mit Arbeitern und Reihen-Siedlungen einen gewissen 50ties-Touch, fast eine Nostalgie auszustrahlen.
Rauch: Diesen Begriff müssen wir ganz dick streichen. Wir müssen höllisch aufpassen, dass meinen Arbeiten kein nostalgischer Touch angedichtet wird. Es ist eher Melancholie. Nostalgie ist ein "Sich-zurück-wölben-wollen" in das Gewesene. Während Melancholie eher den Verlustzustand akzeptiert und das Leiden daran . . . feiert.
Und welches Leiden feiern Sie?
Rauch: Das entspricht meinem inneren Zuschnitt. Ich bin ein konservativer Mensch und Konservative neigen zur Melancholie. Der Konservative möchte das Bewährte beschützen, ist von Verlustängsten getrieben.
Wurzeln diese Ängste in Ihrer Kindheit? Sie hatten ja ein schweres Schicksal . . .
Rauch: Ich habe meine Eltern im Alter von sechs Wochen durch ein Eisenbahnunglück verloren. Das ist die Ursache meines Konservatismus. Weil ich diese frühkindliche Traumatisierung erfahren habe, bin ich mit diesen Verlustängsten ausgestattet.
Und wie kommen Sie zu diesem ungewöhnlichen Vornamen - Neo?
Rauch: In Ostdeutschland heißt jeder zweite so. Nein. Ich glaube, ich bin der einzige. Inzwischen gibt es vielleicht noch zwei, drei, die gerade mal krabbeln können.
Und die wurden nach Ihnen benannt?
Rauch: Nein, nach dem Helden aus dem Film "Matrix". Aber der ist höchstwahrscheinlich nach mir benannt. Aber warum ich so heiße, das müsste man meine Eltern fragen und die leben nicht mehr. Es ist Ironie des Schicksals, dass alle denken, es sei ein Künstlername und ich hätte die Vermessenheit besessen, mir einen Namen zu geben, der für Erneuerung steht. Gerade mir traut man das zu, der ich ein konservativer Mensch bin und das Gegenteil verkörpere.
Wie haben Sie als waschechter Leipziger die Wende und die Zeit danach erlebt?
Rauch: Ich habe neben allen beunruhigenden Aspekten vor allem die Chancen gesehen. Mir war klar, dass es für weite Teile der Bevölkerung wirtschaftliche und soziale Probleme geben würde. Vor dem Hintergrund meiner damals gehegten Befürchtungen kann ich nur sagen, dass es erstaunlich gut gegangen ist bis jetzt. Aber die Deutschen sind ein larmoyantes Volk, weinerlich, wehleidig und stets mit allem unzufrieden. Sie haben vollständig ihren Aufbruchsmut und ihre persönliche Initiative-Gewalt eingebüßt. Es ist mir zutiefst unsympathisch, ständig andere für alles verantwortlich zu machen. Das ist der deutschen Seele tief eingeschrieben und hat schon zu den schauderhaftesten Exzessen geführt.
Was erwarten Sie sich von den Wahlen in den USA?
Rauch: Ich hoffe, dass dieses Land die dramatischen Einbußen an Sympathie - um es vorsichtig zu formulieren - wieder wett machen kann. Durch ein anderes Gesicht, ein subtileres Vorgehen mit den Krisenherden dieses Planeten. Welches Land sonst könnte diese internationale Verantwortung übernehmen? Deutschland etwa? Ein Land, in dem man Soldaten Mörder nennen darf, auch die, die im Kosovo Aufbauhilfe leisten? Wir sind mental, moralisch überhaupt nicht in der Lage, Verantwortung zu übernehmen.