Um Millionen Euro versteigern Sotheby's und Christie's dieser Tage zeitgenössische Kunst in New York. Der Trend geht zu extravaganter Qualität und traditioneller Malerei.
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ine enthusiasmierte Sotheby's-Ös terreich-Chefin konnte die "Presse" am Mittwoch in New York erreichen. Am Abend zuvor hatte Andrea Jungmann beobachtet, wie beim nächtlichen Contemporary-Sale ihres Hauses Werke um 72,36 Millionen € versteigert und neun neue Künstlerrekorde aufgestellt wurden. Darunter die "No. 6" von Mark Rothko um 13,45 Millionen €. Nur zwei Bieter matchten sich um das Meisterwerk. Sind diese Preise noch normal? "Im Moment ist Zeitgenössisches einfach das, was die Leute kaufen", stellt Jungmann fest. Seit einigen Jahren rückt die Zeitgenossen-Sparte der Cash-Cow, den "Impressionisten" immer näher. Typen, die wie Rockstars aussehen, mischen sich unter das gediegene Publikum der großen New Yorker Auktionen und lassen die Hand oben, bis der Hammer fällt.
Zwei Schichten von Käufern unterscheidet Jungmann: Die traditionellen Sammler, die Klassiker der Pop- und Minimal-Art kaufen - aber nur von herausragender Qualität. Wenn die nicht stimmt, "kann schon einmal eine große Fotografie von Thomas Struth liegen bleiben. Diese Sammler sind sehr selektiv". Die zweite Schicht besteht aus auffällig jungen Käufern, die extrem viel Geld haben. Diese schlagen dann bei ebenfalls jungen Künstlern wie Damien Hirst oder Yoshitomo Nara zu. Hier geht es um Prestige und um "How to spend it".
Während die Sotheby's-Chefs sich schon beruhigt zurücklehnen konnten, begann bei Konkurrent Christie's einen Tag später, Mittwochabend, der Run auf die exklusivsten Stücke. Mit "Mustard Race Riot" von Warhol konnte eine echte Ikone angeboten werden - die Ergebnisse waren bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Christie's-Expertin Herrad Schorn hoffte auf 15 Millionen Dollar. "Der Trend liegt bei Malerei, die sich altmeisterlicher Techniken bedient", sagt Schorn. Beispiele: John Currins seltsame Gestalten und die rohen Akte der jungen Britin Jenny Saville. Einen anderen außergewöhnlichen Frauen-Akt bietet Christie's bei seiner Londoner Zeitgenossen-Auktion am 9. Februar: Lucian Freuds noch nie öffentlich ausgestelltes Porträt des Topmodells Kate Moss. Genau das sind die ausgefallenen Werke, für die Sammler zurzeit die Relationen zu vergessen scheinen. Auf 3,5 bis 5 Millionen € wird das "Naked Portrait" des Sigmund-Freud-Enkels geschätzt.
Während die Malerei anzieht, hat sich die Nachfrage nach Foto-Kunst wieder auf ein normales Level eingependelt. Schorn: "Das Interesse hat sich weg von den Deutschen wie Andreas Gursky wieder hin zu den US-Künstlern wie Cindy Sherman und Richard Prince verlagert, die sich mit dem amerikanischen Mythos beschäftigen."
In Wien scheinen die Uhren in dieser Beziehung stehen geblieben zu sein. Beim Zeitgenossen-Angebot der heimischen Auktions-Häuser dominiert wie eh und je die Malerei. Ein breites Angebot von frühen Arbeiten der Phantastischen Realisten, Rainer, Nitsch und Staudacher ist am 23. November im Dorotheum zu finden. "Wir sind nun einmal in Wien, das darf man nicht vergessen", meint Dorotheum-Expertin Elke Königseder. Herausstechend ist Dan Grahams Modell für den Spiegel-Pavillon, der 1992 in der Wiener Secession ausgestellt war (Schätzpreis: 30.-40.000 Euro).
Die jüngere Künstler-Riege ist stärker bei den Wiener Kunstauktionen "Im Kinsky" vertreten. Am 30. November wird sogar eine eigene Auktion für Kunst bis 5000 € angeboten. Neben den üblichen Moldovans und Gironcolis kann hier ein bemalter hölzerner Nierentisch von Erwin Wurm (2400 €) oder eine Radierung von Raymond Pettibon um 500 € ergattert werden.