"Das offene Werk": Die Neue Galerie in Graz zeigt Auszüge, Zeugnisse und Reste von Peter Weibels Schaffen der Jahre 1964 bis 1979.
Mit nackter Brust, keuchend, läuft der junge Weibel die Straße entlang. Und spricht, so schnell wie immer, aber noch ein bisschen atemloser: "Wenn ich sitze vor Ihnen, würde das meinem gegenwärtigen Zustand nicht entsprechen." Es folgt, in diesem Video von 1969, aus einer Zeit, als es eigentlich noch gar kein Video gab, aus Peter Weibels "Expanded Cinema", eine ebenso atemlose Aufzählung der Institutionen, Konventionen, Konditionen, vor denen Weibel flüchten muss. Wohin? Ins Exil.
"Ich bin ein Feind der Zeit, des Raums, der Form", sang er zehn Jahre später mit seiner großartigen Straßen-Rock-Combo "Hotel Morphila Orchestra", in einem Song namens "Scheiß Polizei". Auch hier: Atemlosigkeit, Flucht, Selbst-Exilierung. Ein Vierteljahrhundert danach, museal aufbereitet, geordnet zu begehen über das überwirklich laut knarrende Parkett der Neuen Galerie, spürt man noch das rasende Tempo des längst institutionalisierten Exilanten.
Die Wiener Post-Aktionisten von "Monochrom" haben bei der letzten Biennale von S£o Paolo eine künstliche Künstlerfigur präsentiert, die über all die Jahre überall dabei war in den Wirren des Kunst, ihrer Schulen und Schrullen, ihrer Feste und Manifeste. Wenn einem dieser feine Practical Joke bei der Weibel-Personale einfällt, dann nicht, weil Peter Weibel ein Phantom wäre, sondern weil er erstens wirklich (fast) überall dabei war und zweitens als Künstler kaum je umfassend gewürdigt wurde: Die Diskurs-Maschine, der rasende Theoretiker, der Medien-Professor Weibel hat den rasenden Künstler Weibel verdrängt.
Selber schuld!, hätte er nicht so viel theoretisiert, könnte man sagen. Doch bei Weibel versagt das - oft berechtigte - Klischee vom Künstler, der unter Zuhilfenahme der Werke von Foucault, Lacan, Derrida etc. und eines als raunendes Orakel aleatorisch eingesetzten Physikbuchs als sein eigener Kritiker/Kurator dilettiert.
Denn Peter Weibel ist kein Blender, wenn er Konzepte der Mathematik und Naturwissenschaft verwendet. Er hat sich, man verzeihe den gönnerhaften Ton, immer etwas dabei gedacht. Wenn er etwa von "Projektion" spricht - und er spricht oft davon -, ist das kein leeres Reizwort: Immer wieder hat er geometrische Projektionen überlegt, durchexerziert, in Installationen fixiert, zur Verblüffung ausgestellt, bis hin zu einem (auf den ersten Blick etwas wolkigen) "Paradoxon der Perspektive", dessen Form seinen Inhalt beschreibt und umgekehrt.
Solche Sprünge zwischen Form und Inhalt, Beschriebenem und Beschreibung, Darstellung und Objekt finden sich oft bei Weibel. Etwa in "Possible": Ein Projektor läuft leer, dennoch liest man auf der Leinwand das Wort "possible". Wie bitte? Des Rätsels Lösung: Das Wort entstammt keiner Projektion, sondern ist auf die Leinwand geklebt.
Eine Null-Projektion sozusagen, die alles offen lässt. Ähnlich das erste aus der Serie der "Galerieprojekte": Die Galerie bleibt geschlossen. Wer eine Menge von Operatoren betrachtet, braucht eben unbedingt den Null-Operator: Da freut sich das mathematische Herz. Auch bei einem anderen Projekt: Die Ausstellung enthält die Kunstwerke der Künstler, die im Jahr vor der Ausstellung um Ausstellung gebeten haben, aber abgelehnt wurden. Man meint, Gödel lachen zu hören . . .
Poetisch werden die Paradoxa und Exzesse der Selbstreflexivität in einigen kleineren Werken: "Betrachtung der Betrachtung" (man sieht sich selbst immer von hinten und kann endlich, so vorhanden, die eigene Glatze erkennen), Reißnägel auf einer Schreibmaschine, ein mit der Füllfeder in Wasser geschriebenes Gedicht.
Sprachkritik? Vielleicht. Aber auch eine Laudatio auf die Sprache, ohne die alles Denken zerflöße wie Tinte im Wasser. Und die erst ihre eigene Kritik ermöglicht. Kritik der Sprache: Das ist immer Genetivus objectivus und subjectivus. "Die Sprache selbst stellt die Frage nach dem Sinn", schrieb Weibel über seine "Sprachspiegelungen": "Es ist die Selbstreflexivität im Sprachprozess, die das Denken hervorbringt und damit die Frage nach dem Sinn."
Die Sprache kann eine harte Herrin sein und ihre Diener quälen. Erst recht, wenn die sich verweigern wollen: Für "Raum der Sprache" (1973) ließ sich Weibel die Zunge einbetonieren. Für "Narbengedichte" (1967) implantierte er sich Zettel unter die Haut. So waren selbst seine Beiträge zum Aktionismus immer im besten Sinn vergrübelt. Bisweilen geradezu kasuistisch: In Göteborg zerstörte er 1969 eine gläserne Museumswand durch darauf montierte Gegenstände, die Musik erzeugen sollten. Vor Gericht rechtfertigte sich Weibel und führte am Modell vor: Es sei physikalisch unmöglich, dass das Glas zerbricht. Freispruch.
Gewiss, nicht alle Versuchsanordnungen Weibels haben den Test der Zeit bestanden, die in Stein gemeißelten Paradoxa ("Die Justiz ist ein Justizirrtum") haben ihren Sponti-Charme großteils verloren. Aber gerade manche Installationen, die offensiv mit (damals neuen) Medien arbeiten, wirken noch immer, und nicht nur durch die Technikmuseum-Aura. Die "Kruzifikation der Identität" (1973) etwa: Man steigt auf ein Podest, und wenn man die Arme waagrecht streckt, sieht man sich selber auf dem Monitor in der Mitte eines lebensgroßen Kreuzes. Ästhetik der großen Zeichen, keine Frage, aufgeladen mit großen Worten. Nebenan hört man Weibel schnellstens reden, vom Band oder live, egal. Er rennt noch immer.
Bis 21. November, Di-Do 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. www.neuegalerie.at