Trau, schau, wem: Die Österreichische Galerie Belvedere verfasste eine Verteidigungs-Schrift gegen die "feindliche Übernahme" durch Albertina-Chef Schröder.
Noch scheint Weihnachtsfrieden zu herrschen. Nachdem die Pläne von Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder, sein Haus mit der Österreichischen Galerie Belvedere (ÖGBel) zu einer "Österreichischen Staatsgalerie" zu "fusionieren", Anfang Dezember bekannt wurden, beruhigte die zuständige Ministerin Elisabeth Gehrer die Gemüter auch gleich wieder im Kulturausschuss. Doch der berühmt-berüchtigte Ehrgeiz des Albertina-Direktors ließ nicht nur der SP-Kultursprecherin Christine Muttonen keine Ruhe - mit einer schriftlichen Anfrage an die Ministerin bohrte sie noch einmal nach -, sondern auch ÖGBel-Direktor Gerbert Frodl. Noch vor Weihnachten übermittelte er u. a. dem Ministerium ein mehrseitiges Verteidigungs-Schreiben als Antwort zu Schröders Sieben-Seiten-Schnellschuss. Der "Presse" lagen beide Papiere vor.
In mehreren Punkten listet Frodl auf, warum eine "Fusion", die er als "feindliche Übernahme" bezeichnet, abzulehnen ist. Dabei scheut der ÖGBel-Chef auch nicht den Gegenangriff: Eine "Fusion" würde "ausschließlich einem persönlichen Machtstreben von Direktor Schröder nützen". Dieser verfolge "eine konsequente Ausweitung seines Kunsthallenbetriebs" und würde die ÖGBel "lediglich als ,cash cow'" missbrauchen. Während man "bei der Albertina jegliche Transparenz" vermisse, "keine Informationen über die finanzielle Gebarung" besäße, weist Frodl auf die "gesunde Finanzbasis" seines Hauses hin: Man habe bisher "äußerst positiv bilanziert" und sei "nicht bereit, die wohl vorhandenen Finanzprobleme der Albertina zu lösen".
Mit einer "Ergebnisverbesserung von 1,4 Millionen Euro", die "15 Prozent der gemeinsamen Basisdotierung" entsprächen, will Schröder in seinem Konzept wohl vor allem die Politik überzeugen: Die immer wieder geforderte Erhöhung der Basisabgeltung wäre somit obsolet. Einsparungen wären laut Schröder durch eine "Fusion" beim wissenschaftlichen Personal möglich, bei der Bibliothek, im IT-Bereich und im Rechnungswesen (500.000 Â), Veranstaltungen und Vermietungen könnten 400.000 Euro bringen, die Verlagerung der Sonderausstellungen von der ÖGBel in die Ausstellungs-Hallen der Albertina weitere 500.000 Â. Und gemeinsame Ausstellungs-Tourneen hätten ein Potenzial von fünf Millionen Euro.
Beträge, die für Frodl nicht nachvollziehbar sind. Im Papier vermerkt er: Schröders Pläne "setzen eine Reihe von Kündigungen voraus" und "entbehren jeglicher vernünftigen Grundlage".
Vor allem den von Schröder behaupteten Überschneidungen der Sammlungen - 80 Prozent der ÖGBel-Künstler wären auch in der Albertina vertreten - widerspricht er: "Die Überschneidungen sind marginal. (. . .) Die Sammlungen von Albertina und Belvedere berühren einander im österreichischen Teil und im Bereich des französischen und deutschen 19. Jahrhunderts. Mehrere hundert Blätter, darunter äußerst prominente, befanden sich jedoch ursprünglich in der Österreichischen Galerie Belvedere und wurden aufgrund der Museumsreform von 1921 in den darauf folgenden Jahren an die Albertina abgegeben." Die Rede ist dabei von 637 Blättern.
Schröders Vision der Zusammenführung von Zeichnung und Gemälden, setzt Frodl entgegen, dass dafür höchstens "eine Vereinigung von Albertina und KHM" spräche. Im Falle der ÖGBel sehe man da eher "Verwandtschaften mit dem Museum moderner Kunst und der Stiftung Leopold", mit denen man sowieso schon kooperiere. Und dass gerade Albertina und ÖGBel in Zukunft nur unter einer Dachmarke "im Leihgabenaustausch als Great Exhibition Maker" wahrgenommen werden könnten, bezweifelt Frodl stark: Die ÖGBel habe nie Probleme gehabt mit der "Akquisition von Leihgaben, weil das Museum wissenschaftlich fundierte Konzepte vorlegt".
Auch der Platzmangel, den Schröder bei der ÖGBel konstatiert, werde "mittelfristig mit dem 20er Haus behoben, das Mitte 2007 eröffnet werden soll". Für das 20er Haus und das Atelier Augarten scheint Schröder allerdings sowieso kein gesteigertes Interesse zu hegen - beide Orte werden in seinem Konzept nicht einmal erwähnt.
Schließlich kommt Frodl zum Schluss, dass die "feindliche Übernahme" letztlich die "Zerstörung der ÖGBel" bedeute, was mit einem "Verlust eines wichtigen Stücks österreichischer Identität" einhergehen würde. "Durch die Vollrechtsfähigkeit der Museen wurden bewegliche Einheiten geschaffen. Eine Fusion würde diesen Zielen zuwiderlaufen. Sie wäre mit dem Eingeständnis des Scheiterns der Museumspolitik der letzten fünf Jahre gleichzusetzen."
Ob die Kulturpolitik Schröders Plänen weiterhin widersteht, bleibt abzuwarten. Die parlamentarische Anfrage von Muttonen jedenfalls muss bis 2. Februar beantwortet werden. Ende Jänner sei mit den Stellungnahmen der Ministerin zu rechnen, so ihr Sprecher: "Frodls Vertrag läuft bis Ende 2006, aktuell gibt es also keinen Diskussionsgrund." Doch auch seinem Nachfolger will Frodl noch eine eigenständige Österreichische Galerie Belvedere übergeben. Der Kampf ist noch nicht entschieden.