Ausstellung: Der Traum des Künstlers

Menschen, Maschinen, Machos: Das holländische "Atelier van Lieshout" in der Wiener Galerie Krinzinger.

"Ein bisschen Dummsein gibt mir mehr Freiheit"

Überall Technokraten! Joep van Lieshout ist sauer. Das merkt man auch in der Wiener Ausstellung des ansonsten ziemlich charmanten holländischen Kunst-Design-Idealisten. Diesmal schlachtet er kein Schwein, kocht auch nicht, wie 2001 in der Bawag-Foundation. In der Galerie Krinzinger hängen plumpe Menschen-Modelle hilflos an Schläuchen von urigen Fütterungs-Maschinen. "Mini-Technokrat" nennt der in den letzten fünf Jahren international immer gefragtere Allrounder diese Installation. Ein ziemlich pessimistisches Weltbild. "Dafür produziert die Maschine auch literweise Alkohol", grinst Lieshout. Ihm fehlt heute die Risikobereitschaft der Gesellschaft. "Alle haben Angst vor Verantwortung, sind abhängig von Normen, Gesetzen. Das war vor vier, fünf Jahren in Rotterdam noch anders", klagt Lieshout. "Da hat die Politik viel mehr geduldet, da gab es noch eine Grauzone."

Seinen Freistaat, den er 2001, als Rotterdam europäische Kulturhauptstadt war, in einem Gebiet am Hafen ausgerufen hatte, musste er bald wieder für die Öffentlichkeit sperren. Zwar betreibt er in dem Areal noch immer sein Unternehmen "Atelier van Lieshout", sein "AvL-Ville" mit den mobilen Wohneinheiten, den Kompost-Toiletten, der Biogas-Anlage, der eigenen Brauerei aber habe die Stadt "nicht so goutiert". Also kein "Eat, drink and party in the Hall of Delights" mehr. Und wenn, dann nur mehr "inoffiziell". Aber das macht dem Holländer, den man mit Kettchen und offenem Hemd eher als typischen Italo-Macho identifizieren würde, wahrscheinlich sowieso mehr Spaß.

Mit 25, 30 Handwerkern, Architekten, Künstlern versucht der ausgebildete Bildhauer in dieser Art Fabrik, Kunst so alltäglich wie möglich zu produzieren. Keine Kunst zum Anschauen, sondern eine zum Benutzen. Ist das dann Kunst oder Design? "Wenn mich jemand mit einem Restaurant beauftragt - dann ist das Design. Wenn ich aber selber ein Restaurant aufmache, kann das schon wieder Kunst sein."

Schon in den 80ern hat sich der 1963 Geborene in einer Mischung von Kunst und Design versucht, hat schlichteste Möbel für den Großhandel wie für Galerien gestaltet. Damals. Heute vermisst er "Leidenschaft, Fantasie, Dekoration" im Design. Und stellt einen dunkelroten Fiberglas-Tisch mit schmiedeeisernem Unterbau und ausladenden Kerzenleuchtern in die Wiener Galerie. "Das hat viel mit der ,Arts & Crafts'-Bewegung zu tun, auch mit der Wiener Werkstätte", überlegt Lieshout. Einer seiner Technokrat-Maschinen wollte er schon ein "Art Nouveau"-Mäntelchen verpassen. Vielleicht ist diese Konstruktion dann im Museum für angewandte Kunst zu sehen, das eine "Atelier van Lieshout"-Ausstellung plant. Die Gigantomanien des Künstlers würden in das Haus passen. Zur Anlieferung der großen stilisierten Organe hat Krinzinger eigens einen Kran bestellen müssen. Gurgel, Leber, Gedärme flogen über den Balkon ein. Sie ergänzen die Maschinen im Nebenraum - "Auch hier geht es um Systeme".

Eines dieser Systeme, das "ökonomische", hat Lieshout in seinen Zeichnungen festgehalten. Es gemahnt eindringlich ans älteste Gewerbe der Welt. Andere Blätter zeigen ein Fäkal-Trio, "einfach nur Sex" und ihn selbst im Atelier: Alles, was er zeichnet, wird gleichzeitig von Assistenten umgesetzt, drei nackte Mädchen warten auf die kreative Pause. "Der Traum des Künstlers", lacht Lieshout - das Handy läutet. Seine Freundin muss übersinnliche Fähigkeiten haben. Waren die Wiener Aktionisten denn wichtig für ihn? "Einfluss keiner, obwohl die Arbeiten eindrucksvoll sind. Ich versuche, ein bisschen dumm zu sein, will nicht alles wissen, was in der Kunst passiert." Lieshout denkt kurz nach. "Das gibt mir mehr Freiheit."

Bis 7. August. Seilerstätte 16, Wien 1, Di.-Fr. 12-18 Uhr, Sa. 11-16 Uhr.

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