Ausstellung: Wie eine störrische Brust

Die Wiener Kunsthalle zeigt erstmals in Österreich eine Einzelausstellung der US-Künstlerin Eva Hesse.

S
ie war eine schöne junge Frau. Ihr Blick ernst, verinnerlicht. Das hüft lange dunkle Haar wusch sie in lang wierigen Prozeduren, las Unmengen an Literatur und war mit Sol LeWitt, Donald Judd, Dan Flavin befreundet. Eva Hesse, die 1938 als Kind mit ihren Eltern vor den Nazis aus Hamburg fliehen musste, in den Fünfzigerjahren in New York und Yale Kunst studierte und mit dem Bildhauer Tom Doyle verheiratet war, gilt heute als eine der wichtigsten Künstlerinnen der amerikanischen Minimal- und Concept-Art.

Leicht hatte sie es nicht in der männerdominierten Kunstszene. Doch ihre Malerei, Zeichnungen, Collagen, Objekte werden heute zu hohen Preisen gehandelt. An Österreich gingen sie aber bisher großflächig vorbei. Nur vereinzelt waren Werke in Gruppenausstellungen vertreten.

Die Wiener Kunsthalle konzentriert sich jetzt in einer prägnanten Ausstellung zwar nur auf zwei Jahre in Hesses Werk, diese zählen aber zu den wichtigsten. Während eines 15-monatigen Atelier-Aufenthaltes 1964/65 in Deutschland löste sich die Endzwanzigerin von der Fläche der Leinwand, des Papiers und wagte sich ins Dreidimensionale. "Ich wollte Malerin sein, bin es aber nicht", sagte sie. Eine Entwicklung, die Kuratorin Sabine Folie mit 60 Exponaten in der kleineren Halle der Kunsthalle klar und unaufgeregt nachvollziehen lässt.

Von abstrakten expressionistischen Bildern über die von Kandinsky inspirierten "wilden Räume" zu den "mechanical drawings" gelangt man zu beweglichen Material-Bildern mit Kordeln, Papiermach©, Draht und den "exzentrischen Skulpturen" aus schwarzen Luftballons, Schläuchen und Netzen. Eine irre Entwicklung, frech und aggressiv. Nach verschlüsselt fantastischen Zeichnungen - Inhalt: Nonsense, wie Hesse es nannte - schiebt sich forsch eine Spirale aus Schnüren in den Raum, wie eine provokant herausgestreckte, störrische Brust.

Eva Hesse hatte zu kämpfen. Mit sich selbst, ihrer Rolle in der männerdominierten Kunstszene, als Ehefrau eines anerkannten Bildhauers. Tom Doyle war es, der vom Textilfabrikanten Friedrich Arnhard Scheidt für ein Jahr nach Deutschland eingeladen wurde. Als Wohnung und Atelier diente ein stillgelegtes Stockwerk in Scheidts Fabrik. Eva Hesse folgte ihrem Mann. Zwischen Reisen durch Europa, Abwaschen, Hemdenkaufen, Schwimmen, Kochen, Wäschewaschen, Lesen, Häkeln arbeitete sie sich an ihrer Kunst, ihrer Ehe, ihrer Vergangenheit und den neuen Eindrücken ab.

Als das Paar 1965 nach Amerika zurückkehrt, hat Eva Hesse ihre künstlerische Freiheit im Dreidimensionalen gefunden. Sie und Doyle trennen sich wenige Monate später. Es folgt rege Ausstellungstätigkeit, meist ist sie die einzige Künstlerin unter Kollegen wie Robert Morris, Bruce Nauman, Richard Serra, sie entwickelt ihre Objekte aus Latex, Polyester, Fiberglas. Am 22. Mai 1970 fällt die 34-Jährige nach mehreren Operationen an einem Gehirntumor ins Koma und stirbt im New York Hospital.

Es bleiben ihre Werke und ausführliche Tagebuchaufzeichnungen. Die Kunsthalle kann im Zuge der Ausstellung erstmals Hesses Kalendernotizen aus ihrer Zeit in Deutschland publizieren. Eine Aufreihung von Ausstellungsbesuchen, Kontakten, gelesenen Büchern, dem Tagesablauf. Gespickt mit Bemerkungen über ihre Ehe, ihre Leiden, ihre Arbeit. Der Human Touch zu einem Namen, der Wien so selten gestreift hat. Und kunsthistorische Grundlagenarbeit, die eine Institution wie die Kunsthalle nicht machen müsste. Umso erstaunlicher.

Bis 23. Mai. Täglich 10-19h. Do. 10-22h.


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