Gute Kunst ist harte Arbeit. Die Ausstellung "Permanent Produktiv" in der Kunsthalle Exnergasse macht beides sichtbar.
In wenigen anderen Berufen ver schwimmen Freizeit und Arbeit derart wie in den kreativen. Keine Spur mehr vom behäbigen Bohemien-Leben, es muss produziert, vermarktet, verwaltet, vernetzt werden. "Stress, Anpassungszwang, Schlaflosigkeit: Die klassischen Leiden der Manager haben die Künstler erfasst", resümierte unlängst das Wochenmagazin "Profil".
Nicht einmal auf den Kunstakademien darf heute noch die "Lethargokratie" herrschen, wie es Peter Sloterdijk am Montag bei einer Diskussion im Semperdepot ausdrückte. Er muss es wissen, der Philosoph ist Direktor der "Hochschule für Gestaltung" in Karlsruhe. Durch die beschleunigte Bildung prophezeit er schon den "Künstler zum Downloaden". Das sich beschleunigende Hamsterrad aus lebenslangem Lernen, flexiblen Arbeitszeiten, extensivem Job-Hopping und ewigen Praktika ohne Bezahlung beschäftigt auch zeitgenössische Literatur - Marlene Streeruwitz ("Jessica, 30") - wie Theater (Ren© Pollesch, Kathrin Röggla). Ein galoppierendes Lebenstrauma, das Künstler aber nicht nur raunzend an sich selbst diagnostizieren, wie die die Gruppenausstellung "Permanent produktiv" in der Kunsthalle Exnergasse zeigt.
Dabei ist die Kunsthalle Exnergasse selbst ein gutes Beispiel für einen selbstausbeuterischen Kunstbetrieb, für den zumeist nur auf Verdacht hin produziert und ohne monetären Gewinn in einen trügerischen Bekanntheitsgrad investiert werden muss. 1500 Euro durften zwei Kuratorinnen (Gabriele Mackert, Jeanette Pacher) kosten. Honorare? Ein Reisekosten-Ersatz. Materialkosten? Eine Pauschalabfindung. In der Ausstellung dokumentiert ein Tisch mit Fragebögen die Arbeitssituation der Beteiligten. Die Dokumentation an sich ist auch das bevorzugte künstlerische Mittel bei den Werken selbst.
Das Duo "Big Hope" etwa holte die "Wirtschaft" von ihrem Expertisen-Sockel und befragte Menschen einer ungarischen Industriestadt nach ihrer Einschätzung der Lage. Videos und Siebdrucke erzählen von Marxismus-Nostalgie und hoffnungsloser Sehnsucht nach Kapitalismus-Alternativen. Oliver Ressler hat Wirtschaft-Utopisten in Deutschland, USA, England aufgesucht, interviewt und festgestellt, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts niemand mehr willens ist, diese Modelle ernst zu nehmen, geschweige denn, ihnen ernsthaft zuzuhören.
Nicht gesprochen, umgesetzt hat ihre Ideale eine Psychotherapeutin in Deutschland, die 1996 ihr Hab und Gut verschenkte, Beruf aufgab, die Krankenversicherung kündigte. Seitdem lebt sie, ganz ohne Geld, auf der Basis "Geben und Nehmen". Das "Büro für integrative Kunst" hat sie besucht und ein Video mitgebracht.
Neben einem psychosozialen Diagramm der Selbstausbeutung hängen zwar lustige Comics, die von jobwütigen Mädchen erzählen und von den letzten Geschäftsleuten, die sich in einer von Kultur dominierten Zukunfts-Gesellschaft mit einem Tarnanzug vor dem "Kreativieren" schützen müssen. Aber Poetisches, Quergedachtes ist in der Schau die Ausnahme. Das "Meeresliebeslied" der Wiener Künstlerin Nin Brudermann und ihre extreme Arbeitspraxis der totalen Klausur auf Forschungsschiffen, die entlegene meteorologische Stationen ansteuern, öffnen dagegen Welten. Wie auch das sentimentale Monument für das Lebenswerk eines Arbeitslosen: Auf 16.000 Audiokassetten hat dieser über 25 Jahre lang Radiosendungen archiviert. Zwanghaft. Ohne System. Ohne Hoffnung. Jetzt hat der Künstler Armin Chodzinski den Nachlass seines verstorbenen Freundes in der Kunsthalle Exnergasse zum Andachtsraum geschlichtet. Eine fragwürdige Ausbeutung und späte Anerkennung zugleich.
Bis 24. Juli, Währinger Str. 59, Wien 9, Di.-Fr. 14-19 Uhr, Sa. 10-13 Uhr.